Der Studentische Rat der Universität Hannover ist nicht berechtigt, „sich ausdrücklich gegen Kreationismus aus(zu)sprechen“, hat der Ältestenrat der Studentenschaft der Leibniz-Universität Hannover am 28. November 2007 entschieden. Als Organ der Verfassten Studentenschaft fallen weltanschauliche Bekenntnisse nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. Denn: „Weltanschauliche Bekenntnisse haben keinerlei erkennbaren spezifisch studentischen Bezug, sondern sind – im Gegenteil – höchstpersönliche Angelegenheit jedes einzelnen Menschen unabhängig davon, ob er studiert oder welcher Beschäftigung er sonst nachgeht.“

Der zweite Halbsatz der Beschlussvorlage – „Der Studentische Rat möge sich ausdrücklich gegen Kreationismus aussprechen und sich von jeder Form kreationistischer Lehre distanzieren“ – ist indes nicht zu beanstanden, weil es hier um eine Angelegenheit geht, die „final auf die Qualität der akademischen Lehre gerichtet (ist) und nicht auf eine Bewertung der religiösen Weltanschauung, sodass kein Eingriff in die Grundrechte aus Art. 4 Abs. 1 GG vorliegt. Auch ein Eingriff in Art. 5 Abs. 3 (Wissenschaftsfreiheit) liegt nicht vor.“

Es musste ja früher oder später einmal so weit kommen: Zwar ist schon seit geraumer Zeit immer wieder vom „neuen Atheismus“ die Rede, aber was das überhaupt ist und wie sich der „neue“ vom „alten“ unterscheidet, blieb stets unklar. Um Licht in dieses Dunkel zu bringen, fand unlängst eine Tagung „’Neuer Atheismus’ und moderner Humanismus“ statt, zu der die Humanistische Akademie Berlin in Zusammenarbeit mit der Giordano-Bruno-Stiftung geladen hatte.

  • Vergangenheit und Zukunft des Atheismus

In seinem Eröffnungsreferat klärte Frieder Wolf (Berlin) über den alten Atheismus auf, der keinesfalls die Frage nach Gott gestellt habe. Seine historische Spezifik verortete Wolf im Ancien Regime, also dem vorrevolutionären Frankreich, in dem die Priester eine von mehreren Säulen gewesen seien, auf die sich der König gestützt habe. Die Aufklärung habe sich deshalb gegen die weltliche und die geistliche Herrschaft zugleich gewendet, weil beide miteinander verschränkt gewesen seien. Freiheit, habe ein Zeitgenosse gesagt, sei erst dann erreicht, wenn der letzte Priester am Darm des letzten Adligen aufgehängt sei.

Die Aufgabe von heute sei es nun, den alten Atheismus in eine vollkommen veränderte gesellschaftliche Situation zu übersetzen. Die Priester hätten ihre Herrschaftsfunktion verloren, der Papst sei nicht mehr das ideologische Zentrum. Zwar lasse sich nicht leugnen, dass christliche Denkweisen noch vorhanden sind, allerdings sei es weitgehend marginalisiert. Kirchenkritik wie zu Zeiten der Aufklärung könne deshalb nicht mehr im Zentrum des Atheismus stehen, sondern der Bezugsrahmen müsse die kapitalistische Produktionsweise sein. Aber auch die habe sich gewandelt, seitdem Marx sein berühmtes Diktum von der Religion als „Opium des Volkes“ ausgesprochen habe, schließlich laute die soziale Frage dieser Tage ganz anders.

  • Glauben - unverstanden und verhasst

Dass heute auch reflektierte, gebildete Menschen religiös sein können, war der Ausgangspunkt für die Überlegungen von Anna Ignatius (Freiburg). Sie vermutete, dass ihnen der Glauben Trost biete im Angesicht einer als grausam und teilnahmslos empfundenen Natur. Gläubige hätten Angst vor einem unberechenbaren und willkürlichen Gott, weshalb sie beteten und hofften, dass er ihnen nicht schade. Dieser als Deformation interpretierten Einstellung setzte Ignatius die - wie sie meinte - befreienden Erkenntnisse der Wissenschaft gegenüber. Die Naturgesetze seien schließlich berechenbar und könnten deshalb einen Orientierungsrahmen für das menschliche Handeln geben. Aufgabe der humanistischen Philosophie sei es, den Menschen als Teil der Natur begreiflich zu machen und zu zeigen, dass die Erkenntnisse über die Natur den Weg zu einem glücklichen und erfüllten Leben wiesen.

Auch Michael Schmidt-Salomon (Trier) hielt den Gottesgedanken für abwegig, gar für ein Wahngebilde. Den Unterschied zwischen den alten und neuen Atheisten verortete er in der Konsequenz der Analyse und des Vorgehens bezüglich ihres Objekts der Kritik. Während der alte Atheismus defensiv sei und taktierend, greife der neue an, spreche Klartext. Er sei „kompromisslos aufklärerisch“ und verletze deshalb natürlicherweise auch die Gefühle der Gläubigen. Zurecht, wie er meinte, denn nicht jede Position verdiene auch Respekt. So lehne er nicht nur den Gottesglauben ab, sondern auch den Respekt vor dem Gottesglauben. Wenn die neuen Atheisten Anstoß erregten, dann allerdings vor allem deshalb, weil sie den Kern der Religionen benennten, den die meisten Gläubigen gar nicht mehr kennten. Als Beispiel nannte er die Bedeutung der Wandlung bei den Katholiken. Seine These lautete: „Die alten Atheisten sind nicht toleranter, nur ein wenig ignoranter als die neuen.“

Schmidt-Salomon wandte sich nicht jede Religion, sondern nur gegen solche, die einen personalen Gott kennen. Das sei eine größenwahnsinnige Vorstellung, denn eigentlich sei der Mensch bloß eine Trockennasenaffenart, die es eher zufällig an den Rand des Universums verschlagen habe. Die Auffassung, dass dem Menschen keine Sonderstellung zukomme, habe weiter reichende Konsequenzen für eine „Ethik für nackte Affen“, die er aus Zeitgründen aber nicht vorstellen wollte. In jedem Fall ruhe unter der Oberfläche des obsoleten Etiketts „Neuer Atheismus“ die Weltanschauung des „naturalistischen Humanismus“, dem die Vorstellung vom naturalistisch entzauberten Menschen zugrunde liege. Entscheidend sei, dass man endlich akzeptiere, dass die „Erkenntnisse der Wissenschaft“ die naturalistische Weltanschauung – wie er sagte – „erzwingen“.

  • Trotz Differenzen: Der Kampf geht weiter

Kontrovers wurde über die letzte Publikation des Rüpels Schmidt-Salomons diskutiert, das „Ferkel-Buch“. Diese Form der Auseinandersetzung mit Religion sei nicht produktiv und für Kinder nicht geeignet, wurde bemängelt. Im Lebenskunde-Unterricht in Berlin könne man es nicht einsetzen, meinte ein Teilnehmer. Durch die selektive Darstellung einzelner alttestamentarischer Geschichten werde vor allem die jüdische Religion diffamiert. Der Autor verteidigte sich: Er habe nur Originalzitate verwendet und nicht einmal die anstößigsten. „Das ist es, was die Religionen ausmachen“, rief er. Eine Teilnehmerin sprang dem Autor bei: In der religiös geprägten kleinstädtischen Umgebung, aus der sie stamme, sei das Buch gut angekommen.

Zum Ende der Tagung warfen Horst Groschopp (Berlin) und Wolf noch zwei Fragen auf, bei denen für sie Diskussionsbedarf angezeigt schien. Zum einen die nach der Grenze zwischen Religionskritik und Religionsfeindschaft, die insbesondere im Umgang mit dem Islam schärfer zu ziehen sei. Die notwendige Kritik am Islam dürfe nicht zu Islamophobie und zur Feindbildproduktion führen, vielmehr müsse man hier – wie bei allen Religionen – differenzieren und Bündnispartner suchen. Zum zweiten müsse der Naturalismusbegriff noch geschärft werden und der Unterschied zwischen theoretischen und weltanschaulichen Fragen beachtet werden. Wenn jemand die Kulturgeschichte des Menschen mit anderen als physikalistischen Methoden erforsche, sei dieser noch lange kein Relativist.

Die Atheisten, Humanisten und Freidenker präsentierten sich auf ihrer Tagung als disziplinierte, relativ homogene Gruppe, die sich in der Welt zurecht finden will, ohne auf Gott Bezug zu nehmen. Gleichwohl ließen sich zwei unterschiedliche Strömungen identifizieren: Die eine wird vom Eiferer Schmidt-Salomon repräsentiert, der sein Weltbild um die, wie er annimmt, „Erkenntnisse der Wissenschaft“ aufbaut, unter die er alles weitere unterordnet. Sie ist die breitenwirksamere. Die andere verzichtet auf Diffamierungen der Religion, stellt fest, dass die Wirklichkeit doch recht komplex ist und weiß um die Gefahr, einem Wissenschaftsglauben zu verfallen. Sie ist die akademische Variante. Beide arbeiten am selben Projekt.

Seit Wochen schon machen sich darwinistisch dünkelnde Blogger im Internet über einen Film her, der erst jetzt in den US-amerikanischen Kinos angelaufen ist: Expelled – no intelligence allowed des Publizisten Ben Stein. Geradezu lüstern breiten sie jeden bekannt gewordenen Fehler aus, demonstrieren krampfhaft gute Laune und überbieten sich in schrillem, unfrohem Gelache. Kurzum: Sie machen eine Werbung, die sich die Produktionsfirma gar nicht hätte leisten können.

Jetzt ist der Sturm im Wasserglas aus dem Internet in die reale Welt geschwappt, und Gerti Schön hat in der Zeit vom 24. April 2008 (Nr. 18, S. 40) einen mahnenden Artikel „Kein intelligenter Dreh“ geschrieben. Während sie Michael Moores Fahrenheit 9/11 als „erfrischend subjektiv“ lobt, weil er „die Zitate seiner Protagonisten aus dem Zusammenhang reißt und das Mittel der Montage dazu nutzt, die Ideenwelt der Konservativen im Lager George W. Bushs zu demontieren“, empfindet sie Expelled dagegen „als plumpe Propaganda“. Außerdem kreidet sie dem Film an, dass er „ganz nebenbei auch Steins persönlichen Narzissmus befriedigt“.

Ist ja schrecklich: Ben Stein kommt mit subversiven Methoden an so erlauchte Gesprächspartner wie Richard Dawkins heran, dreht dann ein politisches Pamphlet, das mit suggestiven Schnitten arbeitet, und versäumt dabei nicht, die eigene Person in den Vordergrund zu stellen. Er bedient sich also insgesamt derselben Methoden wie Michael Moore, aber, so insinuiert Schön, quod licet Iovi, non licet bovi. Und schon gar nicht, wenn sich das Rindvieh für die wissenschaftlichen Underdogs der ID-Theoretiker in die Bresche wirft.

Und so bringt sich die Zeit mit diesem Artikel mal wieder sehr, sehr mutig als Vorkämpferin gegen die perfiden, dummen und gefährlichen Kreationisten in Stellung. Dabei lässt der Schluss des Artikels ahnen, wie einfältig, wie konventionell man im Hamburger Traditionsblatt denkt. Überheblich weist Schön auf eine Parodie hin, die bei YouTube angeblich kursiert: Sexpelled: No Intercourse allowed, soll der Film heißen, der „die dramatische Ausgrenzung von Forschern zeigt, die der Theorie anhängen, dass der Storch die Babys bringt.“ Ha, ha. Er ist bestimmt genauso lustig wie das fliegende Spaghettimonster.

Ein hochinteressanter Artikel ist letzte Woche in der Deutschen Tagespost über die Tagung „Weiß der Glaube? - Glaubt das Wissen?“ in der Katholischen Akademie Mainz erschienen.

„Die Tagung diente einer Art interdisziplinärer, wechselseitiger Ideologiekritik von Evolutionsbiologie, Theologie und Philosophie. Was erhellend war. Zu dieser Kritik scheinen nämlich Theologie und Philosophie eher bereit und fähig als die Evolutionsbiologie. Es fällt gerade religionskritischen Naturwissenschaftlern schwerer als Theologen und Philosophen, sich und anderen Rechenschaft abzulegen über die eigenen Voraussetzungen, Methoden und die wirklichkeitserschließende Reichweite der Interpretation ihrer Forschungsergebnisse. Zudem geraten religionskritische Naturwissenschaftler eher in Versuchung, allein die eigene Wissenschaftssprache als letztgültig sinnvolle Wissenschaftssprache anzuerkennen, wenn sich Theologen und Philosophen mit ihnen verständigen wollen.”

Unbedingt lesen!

Zugegeben: Die Skulptur von Alexander Polzin macht sich gut im Zugangsbauwerk des Bahnhofs Potsdamer Platz in Berlin. Sie ist ein echter Blickfang im lichtdurchfluteten Abgang zu den unterirdischen Anlagen, der durch die verwendeten Materialien Stahl, Glas und Beton sehr kühl wirkt. Und dennoch fragt man sich nach wie vor, warum ausgerechnet hier in Berlin ein Denkmal für Giordano Bruno errichtet wurde, und das auch noch in Zusammenarbeit mit der – gelinde gesagt – umstrittenen Giordano-Bruno-Stiftung (GBS)?

Die Bahn gab sich im Vorfeld ahnungslos; in der Pressestelle war die GBS nicht bekannt. Auch hinterher bekundete man lediglich, das Denkmal sei anlässlich einer wissenschaftlichen Tagung über Giordano Bruno aufgestellt worden. Doch diese Begründung war mir nicht genug. Ich hielt es für geradezu skandalös, dass ein öffentliches Unternehmen wie die Bahn – Aktiengesellschaft hin oder – ein Denkmal für Naturalismus und Atheismus aufstellt und sich damit weltanschaulich positioniert. So war zumindest meine Interpretation. Um mich allerdings zu vergewissern, was die Bahn zu der Aktion veranlasst haben konnte, fragte ich lieber noch einmal nach.

  • Brief an Mehdorn

Ich schrieb Bahnchef Hartmut Mehdorn einen Brief, in dem ich um Aufklärung über die Motive für das Engagements der Bahn bat. Bezugnehmend auf die offizielle Begründung wollte ich wissen, warum nicht auch anlässlich anderer Kolloquien Denkmäler errichtet werden. Außerdem interessierte mich, ob sich die Bahn nun die von der GBS propagierte Ethik des „evolutionären Humanismus“ zu eigen macht, für die ein ausgewachsenes Schwein prinzipiell ein höheres Lebensrecht hat als ein menschliches Neugeborenes.

Ich schrieb:

„Bereits der Umstand, dass diese Veranstaltung stattgefunden hat, gibt mir zu denken. Die Deutsche Bahn AG ist ansonsten traditionell darauf bedacht, weltanschaulich neutral zu bleiben. Das ist (war?) sicherlich nicht die schlechteste Unternehmensstrategie. Doch die Existenz des Denkmals auf Bahn-Gelände stellt religiöse Menschen nun vor eine gewichtige Frage, die Ihnen nicht gleichgültig sein dürfte. Sollen sie nun, da Sie so offen Partei für den Naturalismus und gegen jede Form von Gottglauben ergriffen haben, den Bahnhof Potsdamer Platz meiden? Sollen sie vielleicht überhaupt nicht mehr mit der Deutschen Bahn AG fahren? Da Sie sich weltanschaulich positioniert haben, werden Sie es den Kunden wohl nicht verübeln, wenn sie dasselbe tun.“

Mein Brief ging zunächst einmal in den Mühlen der Bahn-Bürokratie unter, aber als ich ihn noch einmal gefaxt hatte, kam bald eine Reaktion. Die war allerdings etwas ungewöhnlich: Ein Herr Klewe meldete sich telefonisch und schlug vor, sich einmal persönlich zu treffen. Er wolle mich dann über den Sachverhalt aufklären, was in einem Brief nicht so gut möglich wäre. Als Treffpunkt schlug er den Bahn-Tower am Potsdamer Platz vor, und da mir ein solches Treffen keine Umstände machen würde, willigte ich ein. Neugierig war ich allemal über diese ungewöhnliche Art, einen Brief zu beantworten – eine Pressekonferenz ganz für mich alleine!

  • Eine ungewöhnliche Pressekonferenz

Zu meiner Überraschung nahm an dem Gespräch nicht nur Herr Klewe teil, der sich als Leiter der Abteilung „Länderbeziehungen Bereich Politik (MSL)“ entpuppte, sondern auch der Beauftragte des Vorstandes, Bundesverkehrsminister a.D. Reinhard Klimmt. Es stellte sich heraus, dass beide die Koordination zwischen der Bahn und den an der Errichtung des Kunstwerks Beteiligten übernommen hatten.

Was Klewe und Klimmt zu sagen hatten, war nicht viel. Die Bahn habe lediglich den Grund zur Verfügung gestellt und dafür gesorgt, dass die Skulptur nun nicht umfällt. An dieser Stelle sei ohnehin die Errichtung eines Kunstwerks vorgesehen gewesen, so dass der Vorschlag des Künstlers gerade recht gekommen sei. Und da er respektable Fürsprecher wie die Botschafter Italiens und Ungarns und den Präsidenten der Akademie der Künste, Klaus Staeck, gehabt habe, habe man nicht im Traum daran gedacht, es könne inhaltlich etwas dagegen einzuwenden sein. Überhaupt sei es ihnen vor allem um die künstlerische Qualität gegangen. Und die könne jeder Kritik standhalten. Mit der GBS hätten sie keinen Kontakt gehabt, und dass ein Vertreter der Bahn bei der Enthüllungszeremonie ein Grußwort gesprochen, sei als Akt der Höflichkeit durchaus angemessen gewesen.

Klewes und Klimmts Erläuterungen erschienen mir plausibel und nachvollziehbar. Für sie ist die Figur nicht mit einem atheistischen Bekenntnis verbunden, sondern eine gelungene Verschönerung des Bahnhofs Potsdamer Platz. Das Kunstwerk gefällt, und mehr interessiert sie nicht. Bloß: Reicht das aus? Hat nicht jedes Denkmal auch eine Botschaft, die genauso wichtig ist wie die äußere Anmutung?

  • Der atheistische Kontext

Es war ausgerechnet der gelernte Historiker Klimmt, der im Verlauf unseres Gesprächs die Frage nach dem Kontext aufbrachte, in dem ein historisches Ereignis stattfindet. Und der Hinweis auf den Kontext ist wichtig, ja, er ist entscheidend. Im vorliegenden Fall ist nämlich zu fragen, wer welchen Zweck mit der Errichtung eines Bruno-Denkmals verfolgte: die beiden Botschafter, der Künstler, Staeck. Honorige Leute allesamt, mit denen Klewe und Klimmt zu tun hatten. Doch das waren offensichtlich nicht alle Beteiligten; im Hintergrund gab es weitere, von deren Existenz man im Bahn-Tower nichts wusste. Und da trifft man eben unter anderen „alte Bekannte“ wieder: die GBS, die Humanismus-Stiftung, Ernst Salcher, dazu Wera und Norbert Noetzel und die UniCredt Group. Den Namen Staeck sucht man dort vergeblich, er gehört nicht zu den Stiftern.

Die Stifter wussten glasklar, worum es inhaltlich geht. Polzins Skulptur „will polarisieren“, erklärte zum Beispiel Salcher in seiner Eröffnungsansprache. Seine Stoßrichtung ist eindeutig:

„Während Philosophie und Wissenschaft das geistige Erbe Giordano Brunos zu würdigen gelernt haben, blieb ihm eine Institution bis heute die Anerkennung schuldig: die katholische Kirche. Sie verfolgte ihn, verurteilte ihn zum Tode auf dem Scheiterhaufen und setzte seine Schriften fast 400 Jahre lang auf den Index. Sie wollte ihn auch dann nicht rehabilitieren, als im Jahr 1889 ein internationales Ehrenkomitee, gegen den heftigen Widerstand der römischen Kurie, die Aufstellung einer Giordano Bruno-Statue erzwang.“

Da haben wir es mal wieder: Die katholische Kirche hat Bruno verbrannt, die katholische Kirche ist dogmatisch, die katholische Kirche ist intolerant etc. pp. Systematisch löst Salcher das historische Ereignis aus dem Kontext heraus und konstruiert sich damit seine eigene Wahrheit. Und dann vollbringt Salcher auch noch das Kunststück, die katholische Kirche auch für heutige Missstände verantwortlich zu machen. Welche Aussage das Bruno-Denkmal haben soll?

„Die Antwort ist einfach: Der Blick auf den Zustand unserer Welt und auf die unsäglich deprimierenden Nachrichten, die uns täglich erreichen, gibt uns die Antwort: wir brauchen heute nötiger denn je Menschen, die das Recht auf Geistesfreiheit verteidigen und den Gebrauch der menschlichen Vernunft als den einzig richtigen Weg ansehen, um eine friedlichere, bessere und gerechtere Welt zu erreichen.“

Salcher – der Stifter und Stiftungsvorstand zugleich ist – sagte weiter:

„Die Giordano Bruno Stiftung, die ich hier vertrete, folgt der Tradition ihres Namensgebers in der klaren Absage an jeglichen Fundamentalismus, gleichgültig ob religiöser oder ideologischer Art, und geht über ihn hinaus, indem sie das Gedankenguts eines modernen ‚evolutionären Humanismus’ verbreitet, der ein von Vernunft geleitetes, friedliches und gleichberechtigtes Mit- und Nebeneinander der Menschen im 21. Jahrhundert anstrebt.“

Auch Salchers Vorstandskollege, GBS-Sprecher Michael Schmidt-Salomon, haute in dieselbe Kerbe und charakterisierte die Skulptur als ein

„‚Mahnmal für die Opfer religiöser Gewalt’ schlechthin. Der Begriff ‚religiöse Gewalt’ bezieht sich dabei nicht allein auf die traditionellen theistischen Glaubenssysteme, sondern auch auf die sog. ‚politischen Religionen’. Schließlich ist es gleich, ob ‚heilige’, ‚unantastbare’ Schriften von vermeintlichen Propheten Gottes oder von politischen Führern diktiert werden.“

Auf telefonische Nachfrage bestätigte im übrigen auch Norbert Noetzel, dass er die Ziele der GBS und die verlautbarte Aussage des Denkmals unterstütze.

  • Mitgefangen – mitgehangen

Folgendes ist nun festzuhalten:

Erstens: Formal und von niemandem bestritten ist die Skulptur wohlgeraten. Sie hat einen Standort gefunden, an dem sie hervorragend zur Geltung kommt. Damit hat niemand ein Problem.

Zweitens: Inhaltlich handelt es sich bei der Skulptur um eine Absage an jede Form von Religion, die von den Stiftern als dogmatisch, gewalttätig und freiheitsbeschränkend charakterisiert wird. Diese und keine andere Botschaft transportiert sie. Dass diese Botschaft nicht neu, wenig originell und wird auch dann nicht wahrer, wenn man sie permanent wiederholt oder – das allerdings ist neu – in Skulpturen gießt, sei nur am Rande erwähnt.

Drittens: Die Bahn war vor allem daran interessiert, eine Leerstelle in einem ihrer Bahnhöfe kostengünstig zu füllen. Sie verhandelte mit Partnern, die nicht die Stifter waren. Die Mehrzahl der Stifter und ihre Absichten waren ihr unbekannt. Über inhaltliche Aussagen hat man sich wenige oder gar keine Gedanken gemacht, wollte aber keinesfalls ein atheistisches Statement abgeben.

Ist die Bahn also getäuscht worden? Dieser Verdacht liegt nahe. Aber damit kann sie sich nicht herausreden. Eigentlich hätte sie fragen müssen, wer die Aktion finanziert. Dann hätte sie erfahren, wer die Stifter sind, hätte Erkundigungen über sie einholen können und dann erfahren, wes Geistes Kind sie sind. Dann wäre man beispielsweise auf Schmidt-Salomons skandalöses „Manifest des evolutionären Humanismus“ gestoßen, das er im Auftrag der GBS geschrieben hat. Man hätte weiterhin erfahren, dass die GBS mit einer Ausfallbürgschaft Schmidt-Salomons „Ferkel-Buch“ unterstützt hat. Und schließlich hätte man zur Kenntnis genommen, dass die GBS als religionsfeindliche Organisation einschlägig bekannt ist, woraufhin man sicher auf den Gedanken gekommen wäre, dass die GBS mit dem Bruno-Denkmal ganz gewiss nicht nur eines armen Menschen gedenken wollte, der vor rund 400 Jahren einen qualvollen Tod erlitten hat.

Nein, die Bahn kann sich nicht herausreden. Sie ist zwar einerseits Opfer, weil sie von den atheistischen Aktivisten als „nützlicher Idiot“ (Lenin) missbraucht wurde. Aber sie hat sich auch fahrlässig missbrauchen lassen. Es besteht kein Zweifel: Mit der Unterstützung der Denkmalserrichtung hat sie sich mit der GBS und ihren Zielen gemein gemacht und sich in der aktuellen Debatte weltanschaulich positioniert.

Von welchem Format sind eigentlich die sogenannten neuen Atheisten, also Richard Dawkins, ihre Lichtgestalt, und seine Adepten? Eine geradezu vernichtende Antwort hat vor kurzem Manfred Lütz in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur gegeben. Lütz ist Psychotherapeut und findet Zeit und Muße, sehr geistreiche Bücher zu lebenspraktischen und Glaubensfragen zu schreiben und als Laie aktiv in und für die katholische Kirche tätig zu sein.

Für Dawkins findet Lütz keine schmeichelhaften Worte. Er halte ihn für einen „Ideologen“ und Fundamentalisten“, der sich – was für diese Leute typisch sei – weigere, mit Andersdenkenden zu diskutieren. Auf der Basis sorgfältiger Lektüre von dessen aktuellen Buch könne er, Lütz, allerdings auch sagen, dass es ohnehin nicht satisfaktionsfähig sei. Dawkins halte jeden Gläubigen entweder für „lächerlich, böswillig oder geistesgestört“. Er vertrete einen Ansatz, der wissenschaftstheoretisch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts geblieben und damit „nicht diskursfähig” sei.

Ähnlich platt und uninformiert gehe es an der atheistischen Basis zu, zum Beispiel wenn in Comedysendungen im Fernsehen das Christentum veralbert werde. In den fünfziger Jahren hätte derartige Kirchenkritik eine gewisse Berechtigung gehabt, weil der Einfluss der Kirche groß gewesen sei. Aber heutzutage habe sich die Kritik von ihrem Gegenstand gelöst. Es werde „im Christentum das Fremde veralbert. Man weiß gar nicht mehr, was das ist. Man weiß gar nicht mehr, was Kirche ist. Man veralbert es einfach … Das ist natürlich nicht gleich Gotteslästerung, wenn man sich über einen Bischof lustig macht, aber ich finde, das Niveau des Diskurses in einer Gesellschaft hängt auch ein bisschen damit zusammen, wie man die eigenen Wurzeln kennt.“

Lütz beklagt, dass der Mainstream nur noch Zerrbilder des Christentums kenne, aber nicht das Christentum selbst. Das Gerede über Zölibat, Frauenpriestertum und Pille verdecke jedoch, dass „das katholische Christentum vielleicht die sinnlichste Form von Religion überhaupt ist. Das wissen die Leute aber überhaupt nicht. Die halten die Kirche für eine Institution zur Verhinderung sexueller Freude.“ Unter anderem deshalb habe er auch sein Buch „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“ geschrieben.

Wer sich nicht mit den Mythen abfinden wolle, die insbesondere über die katholische Kirche im Umlauf seien, dem legt Lütz die Lektüre von Arnold Angenendts „Toleranz und Gewalt – das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ ans Herz: „Da sind all die Fragen, die sonst in Talk-Shows diskutiert werden, die ganzen Klischees über Inquisition, Galileo Galilei, Kreuzzüge, also die ganzen Klischees über Christentum mal auf dem heutigen Stand der Wissenschaft reduziert und richtig gestellt, dass die Römische Inquisition so viele Todesurteile hatte, wie Mao Tse-tung in 39 Minuten hat über die Klinge springen lassen, und das in 317 Jahren.“

Michael Schmidt-Salomons „Manifest des evolutionären Humanismus“ zu rezensieren, ist ein geradezu aussichtsloses Unterfangen. Man müsste – vor allem aus nicht-naturalistischer Sicht – unter anderem zuerst den Gegenstand seiner Schmähungen rekonstruieren, also aufzeigen, dass er sich an einem fiktiven Gegner abarbeitet und vieles weitere mehr. Das wäre mühselig und auch zu viel der Ehre. Deshalb hier nur der Verweis auf die Kritik des Philosophen Joachim Kahl, der sich dieser Mühe unterzogen hat und das „Manifest“ aus säkularer Perspektive gründlich auseinandernimmt (–> Texte –> Skeptische Weltdeutung –> „Fehlstart“).

Was lange währt, wird endlich gut, sagt der Volksmund. Das dachte sich wahrscheinlich auch die Redaktion der Südwestpresse aus Ulm, als sie sich jüngst entschloss, ein altes DPA-Interview mit dem Stammzellenforscher Hans Schöler erneut abzudrucken. In diesem Gespräch ergeht sich Schöler in kuriosen Verdächtigungen der Gegner einer Verschiebung des Stichtages und unterstellt der katholischen Kirche, sich in der Stammzellendebatte profilieren zu wollen. Es sieht so aus, als habe der Volksmund Unrecht: Nur weil etwas lange währt, wird es noch lange nicht gut.

Jüngst hat die EKD eine Stellungnahme zum Streit zwischen Darwinisten und Kreationisten (PDF) veröffentlicht, in der sie beiden Parteien ihre Fehler vorhält. Von wenigen Details abgesehen handelt es sich um ein wichtiges Papier, in dem sehr differenziert und konstruktiv argumentiert wird.

An die Adresse der Kreationisten gerichtet schreiben die Autoren: „Gerade aus theologischen Gründen ist der Kreationismus abzulehnen. Er setzt sich über die bibelwissenschaftlichen und systematisch-theologischen Einsichten in die Entstehung, Ausformung und Bedeutung des biblischen Schöpfungszeugnisses hinweg und missachtet die geschichtlichen Kontexte seiner Entstehung. Damit bringt er sich um die Möglichkeit einer angemessenen Erschließung des biblischen Schöpfungszeugnisses. Und er ignoriert die Unterscheidung der Erkenntnisebenen. Der entscheidende Denkfehler besteht darin, mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden das Eingreifen Gottes in die Evolution von Kosmos und Biosphäre beweisbar und insofern darstellbar machen zu wollen. Auf diese Weise gerät Gott in die zweifelhafte Rolle eines Lückenbüßers.“

Und an die Adresse der Darwinisten: „Diesem Missverständnis und Missbrauch des christlichen Schöpfungsglaubens entspricht spiegelbildlich der Irrweg, der aus den Einsichten der modernen Naturwissenschaften zwingend eine Leugnung Gottes und die Verpflichtung auf einen kämpferischen Atheismus meint ableiten zu können. (…) Auch hier wird die Auseinandersetzung mit dem Gottesbegriff ganz und gar auf dem Missverständnis eines ‚Lückenbüßergottes’ aufgebaut. Dafür sind Kreationismus und ‚intelligent design’ willkommene Gegner, die zu den maßgeblichen Repräsentanten des Christentums, ja der Religion überhaupt, überhöht werden. Die Entwicklungen der wissenschaftlichen Theologie, die Leistungen der historisch-kritischen Exegese biblischer Texte und die ethische Kraft des Christentums hingegen werden in keiner Weise zur Kenntnis genommen.“

Für Martin Urban ist das alles nicht genug. Er kann nicht verstehen, dass sich die EKD dem Anspruch der Darwinisten nicht einfach beugen will. Warum nur, fragt er sich in der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende, akzeptiert die EKD nicht endlich, dass ihr Weltbild auf falschen Annahmen beruht? Und dann erdreistet sie sich sogar, „einen Unterschied zur naturwissenschaftlichen Perspektive herauszuarbeiten“! Der – Achtung, jetzt kommt’s!! – „den modernen Naturwissenschaften nicht gerecht wird“!!! Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach zu verstehen, wer im Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft Koch ist und wer Kellner: „Tatsächlich verstehen die Naturwissenschaften neuerdings, wie Glaube entsteht. Sie geben sogar – vorläufige – Antworten, wo die Theologen seit 2000 Jahren (sic! – BK) nur Fragen stellen oder bloß ‚Geheimnis’ und ‚Mysterium’ als Erklärung anbieten.“

In Urbans Augen schließen Religion und Naturwissenschaft einander kategorisch aus – oder etwa doch nicht? Urban deutet an, dass noch nicht alle Brücken eingerissen sein könnten, dass es noch die Möglichkeit zur Verständigung gibt. Doch dazu dürfen die Protestanten „nicht unreflektiert“ über Gott sprechen, die theologischen Klassiker nicht „unbedacht zitieren“, „nicht mehr so schlicht (vom Handeln Gottes) reden“, die Botschaft der Genesis nicht mehr „fromm übernehmen“. Doch was meint Urban eigentlich, wenn er reflektierte und komplexe Rede einfordert, bedachtes Zitieren und unfromme Übernahme eines Gedankens? Wenn Religion – so Urbans gebetsmühlenhaft wiederholter Vorwurf – sowieso Humbug ist, weil sie sich wissenschaftlichen Erkenntnissen widersetzt, ergeben seine Einschränkungen keinen Sinn.

Letztlich laufen seine Forderungen auf die Aufgabe der Kernaussagen der christlichen Religion hinaus: dass Gott der Schöpfer der Welt und dass Jesus Christus sein Sohn ist, der die Menschen erlöst hat. Selbstverständlich kann man das fordern. Aber die Forderung ist unsinnig, weil sie am Gegenstand der Kritik vollkommen vorbeigeht. Ohne die zentralen Glaubenssätze, die Urban so unerträglich findet, handelte es sich nicht mehr um Christentum, sondern um irgendwas anderes. Wenn Urban vorschlägt, dass die Christen Gott einen guten Mann sein lassen sollten, der irgendwo da oben auf einen Wolke sitzt und seinen Rauschebart streichelt, aber nichts mit der Erde und den Menschen zu tun hat, fordert er nichts weniger als die Abschaffung des Christentums und seine Unterwerfung unter die Priesterschaft der Naturwissenschaftler. Man darf vermuten, dass das so aussichtslos ist wie das Anheulen des Mondes durch den Hund.

Urban neuester Erguss zeigt, wie sehr das naturalistische Denkschema seine Jünger verblendet. Er ist gar nicht mehr in der Lage, eine nicht-naturalistische Weltsicht für möglich zu halten. Wer kein Naturalist ist, der muss – in Urbans Kosmos – entweder ein Spinner oder ein ganz böswilliger Gegenaufklärer sein. Auf den Gedanken, dass nicht er Recht haben könnte, sondern die Millionen von Christen und andere Theisten, kommt er gar nicht mehr. Das ist kein Schade, denn so ärgerlich ist es ist, dass ihm die SZ immer noch ein Podium bietet, so beruhigend ist die Gewissheit, dass es schon viele Urbans gegeben hat, die sich vergeblich an den Kirchen abgearbeitet haben.

Entsetzt blickt die Weltöffentlichkeit nach Tibet. Während sich Peking für die Olympischen Spiele rüstet, geht die kommunistische Diktatur mit Gewalt gegen protestierende Mönche und eine rebellische Jugend vor. Und was machen die Brights im Angesicht der dramatischen Ereignisse? Sie publizieren in ihrem Blog einen Artikel aus der Zeitung Junge Welt, die vor 1989 Zeitung der FDJ war.

Na und? könnte man fragen, doch dieser Artikel hat es in sich. In ihm wird gegen die Tibeter im allgemeinen und den Dalai Lama im besonderen gehetzt, was das Zeug hält. Tenor des Artikels: Es handelt sich um Terroristen, die die gerechte Ordnung umstürzen und eine theokratische Diktatur errichten wollen. Was man in Blogs, im Fernsehen und in Zeitungen Gegenteiliges lesen kann, ist tibetische Propaganda, mit der China geschadet werden soll.

Entsprechend ist die Wortwahl, der sich der Autor, Colin Goldner, befleißigt: „Mit Schlagstöcken bewaffnete Mönchstrupps“ zogen, schreibt er, „marodierend“ durch die Straßen, wurden aber zum Glück von den friedliebenden Ordnungskräften gestoppt: „Die Polizei ging konsequent gegen den Rotkuttenmob vor und nahm zahlreiche Verhaftungen vor.“ Aber es kam bald noch schlimmer: „Außer Rand und Band geratene Mönchshorden brachen blutige Straßenkämpfe vom Zaun, an denen sich zunehmend auch entsprechend aufgepeitschte Jugendliche beteiligten.“ Leider merkte davon die Weltpresse nichts, denn: „Der Dalai Lama und seine Verlautbarungsorgane setzten ihre Lügenpropaganda systematisch fort.“ Etc. pp.

Derartige Ergüsse sind bei der jW eigentlich nichts neues. Man ist gegen Kapitalismus, zeigt immer viel Verständnis für „Befreiungsorganisationen“ und fühlt sich ganz allgemein einer Ideologie verpflichtet (es handelt sich vermutlich um orthodoxen Marxismus), die jeden eigenen Gedanken, jede Kreativität bereits im Keim erstickt. Im Verfassungsschutzbericht 2006 ist über die Zeitung zu lesen: „Wiederholt ist festzustellen, dass in Beiträgen der jW Gewalt als Mittel im Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus anerkannt wird … Kritik an oder Distanzierung von deren Gewalttaten erfolgt nicht. “

Der Artikel in der jW ist nicht empörend, denn von der jW kann man nichts anderes erwarten als Desinformation und Propaganda. Bemerkenswerter ist, dass die Brights ihn in ihrem Blog veröffentlichen. Das heißt zwar nicht unbedingt, dass sie sich seinen Tenor zu eigen machen. Schließlich kann man auch solche Meinungen zur Diskussion stellen, die man nicht selber vertritt. Und wie die lebhafte Diskussion zeigt, ist die Veröffentlichung auch unter der Leserschaft umstritten.

Und dennoch bleibt ein ungutes Gefühl. Sowohl die jW als auch die Brights sind bekannt für ihren rüden Ton gegenüber Theisten und andere erklärte und nichterklärte Gesinnungsfeinde. Ob es um den Dalai Lama geht oder um Ajatollah Chomeini – sie scheren alle über einen Kamm, ohne sich um die Unterschiede zu kümmern. Dass beispielsweise der Dalai Lama seit Jahren Gewaltlosigkeit predigt und sich um einen Ausgleich zwischen chinesischen und tibetischen Interessen bemüht, ist in ihren Augen irrelevant. Bei so viel Einäugigkeit wird man den Verdacht nicht los, dass viele Naturalisten in ihrem Kampf gegen Religion jeden menschenrechtlichen Maßstab verloren haben.

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