Ein sympathisches Interview hat Harald Lesch, Professor für theoretische Astrophysik an der Münchner Universität und Moderator der ZDF-Sendung „Abenteuer Forschung“ der Wochenzeitung Jungle World gegeben. Darin spricht Lesch auch über das Verhältnis zwischen seiner wissenschaftlichen Forschung zum Beginn des Universums und seinem Glauben an Gott. Er präsentiert sich als methodischer Naturalist, der um die Grenzen der Wissenschaft weiß und sie respektiert.

„Man hat eine theoretische Vorstellung, macht eine Beobachtung und stellt dann fest, dass diese theoretischen Vorstellungen durch das, was man ­beobachtet, nicht erfüllt werden. Aber wir haben von der Bewegung der leuchtenden Materie bereits so viel verstanden, dass diese Anfangsvorstellungen durchaus berechtigt sind. Uns geht es ein bisschen so wie dem Betrunkenen, der unter der Laterne seinen Schlüssel sucht. Der Polizist kommt dazu und fragt, ob er den Schlüssel hier verloren habe. Und der Betrunkene antwortet: ‚Nein, aber hier habe ich wenigstens Licht.’ In diesem Sinne ist Grundlagenforschung immer ein bisschen Stochern im Nebel, und wenn man was findet, dann kann man gucken, ob man etwas damit anfangen kann. “

Auf die Frage nach der Vereinbarkeit seiner Tätigkeit als Forscher mit seinem protestantischen Glauben erklärt er:

„In meinem täglichen Tun als Naturwissenschaftler ist Gott zunächst mal kein Thema. Es gibt ja keine Gleichung, die wir benutzen, in der ein Gottes-, Hoffnungs- oder Angstterm vorkommt. Trotzdem haben alle Menschen Angst, Hoffnung und Visionen. Meine Glaubensvorstellung ist stark kantianisch geprägt, also von einer Vision, Ordentliches zu tun, für den Fall, dass es einen Gott gibt und ich mich rechtfertigen kann, für das, was ich tue. Was ich am Protestantismus sehr schätze, ist der Zweifel. Zweifel gehört zum Glauben, denn man kann sich nie wirklich sicher sein.“

Aber auch über Außerirdische kann Lesch wunderbar geistreich parlieren und anhand einer fiktiven Begegnung mit ihnen Lehrreiches über den Zustand der Erdenmenschen sagen.

Wie anders fällt das Interview mit Thomas Junker aus, das er der online-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft gegeben hat und das ungefähr zur selben Zeit veröffentlicht wurde. In gewohnt phantasieloser Weise gibt ein gewisser Jörg Dönges Stichworte, auf die Junker in der gewohnt autosuggestiven Weise eingeht. Man darf „Evolutionsleugner“ nicht unwidersprochen ihr „kreationistisches Weltbild“ verbreiten lassen und so weiter, salbadert er.

Es ist Zufall, dass die beiden Interviews fast zeitgleich publiziert wurden, aber ein schöner. Er zeigt eindrucksvoll, wie sich gute von schlechten Wissenschaftlern unterschieden. Ein guter wie Lesch hat sich eine kindliche Neugier bewahrt, die ihn befähigt, kreativ an die Erforschung des Universums zu gehen. Eine gehörige Portion Zweifel bewahrt ihn davor, Allmachtsphantasien zu entwickeln. Ein Antikreationist wie Junker produziert dagegen nur Langeweile. Er hat jeden eigenständigen Gedanken abgetötet und errichtet Dogmen und Denkverbote.

Der einschlägig bekannte Martin Urban schreibt in der Wochenzeitung Freitag:

„Von den 25 Millionen evangelischen Christen hierzulande geht eine Million sonntags in die Kirche, das sind vier Prozent. Sie wählen ihre Repräsentanten in die kirchlichen Gremien – und das sind natürlich auch eher schlichte, konservative Leute. Die Evangelische Allianz, das ‚Netzwerk evangelikaler Christen’ hat nach eigenen Angaben bundesweit etwa 1,3 Millionen Mitglieder, Freikirchler und Mitglieder von Erweckungsbewegungen allerdings mit eingeschlossen. Das heißt, die Anzahl der Evangelikalen und die Anzahl der evangelischen Kirchgänger stimmt in etwa überein.“

Urban will damit seine These unterstreichen, dass die christliche Lehre nur noch eine kleine, konservative, rückwärtsgewandte, verstockte, geistig minderbemittelte Minderheit anspricht, während die Aufgeklärten, Fortschrittlichen und Intellektuellen sich von den Kirchen abwenden. Sein Projekt ist es, das Christentum an die „Erkenntnisse“ der Wissenschaft anzupassen, um ihm ein solides Fundament zu geben, eines, das nicht nur aus einer Ansammlung von Projektionen besteht.

Wer Freunde hat wie Urban, braucht keine Feinde mehr. Wenn es stimmt, dass alle evangelischen Kirchgänger Fundamentalisten sind, dann ist es in der Tat sinnvoll, sie zu bekämpfen, schließlich sind die Fundamentalisten doch böse-böse, oder? Und hat man die Kirchen erst einmal geleert, ist der Platz frei für das aufgeklärte evangelische Christentum im Sinne Urbans. Wie das konkret aussehen und wer sich davon angesprochen fühlen soll, weiß zwar kein Mensch, auch Urban vermutlich nicht, aber das ist ja dann auch egal. Und warum sich ausgerechnet ein evangelischer Christ an der Abschaffung des evangelischen Christentums beteiligt haben wird, wird dann auch niemanden mehr wissen wollen.

Die österreichischen Studenten wurden dieser Tage wie jedes zweite Jahr zu den Urnen gerufen: ÖH-Wahlen waren angesagt. Und wie profilierten sich die der SPÖ nahestehenden Studenten? Die Presse berichtete über eine Publikation:

„Aus dem Spiegel blickt Papst Benedikt XVI. ein Affe in Talar und Stola entgegen, um den Hals das Bischofskreuz. Auf einem Plakat daneben prangen die neuen Todsünden – Homosexualität, Gleichstellung, Abtreibung, Verhütung, Aufarbeitung, Kritik an der Kirche. Der Titel des dazugehörigen Artikels: ‚Vom Affen zum Pfaffen’.“ Das Titelblatt „sei keinesfalls als Herabwürdigung gedacht, gibt sich Kandidatin Sophie Wollner unschuldig. Es illustriere nur eine Geschichte über den Kreationismus, der von der Existenz eines Schöpfergottes ausgeht. ‚Wir wollen einen Spiegel vorhalten und zeigen, dass wir alle vom Affen abstammen. Auch der Papst.’“

Eine interessante Logik: Fräulein Wollner weist darauf hin, dass Kreationisten an einen Schöpfergott glauben – ganz offensichtlich ist das bemerkenswert und irgendwie verwerflich. Was sie vom Rest hält, spricht sie zwar nicht aus, aber das muss sie auch nicht. Es ist doch klar: Kreationisten glauben an einen Schöpfergott. Auch Christen (hier: Katholiken), die sich nicht als Kreationisten bezeichnen, glauben an einen Schöpfergott. Also sind auch Christen, die sich nicht als Kreationisten bezeichnen, Kreationisten.

Was das mit studentischen Belangen und Hochschulpolitik zu tun hat? Nichts. Aber da ist bereits die Frage falsch gestellt. Wenn es gegen „Kreationismus“ geht, sind auch die dümmsten Assoziationsketten gut genug.

Dass man trotz der überwältigenden Evidenz für Evolution als Phänomen und der grundsätzlich befriedigenden Erklärungsleistung der synthetischen Theorie dieses Phänomens nicht notwendig vom Glauben an den Schöpfergott abfallen muss, war die übergeordnete These des Vortrags „Neodarwinistische Evolutionstheorie und die Frage nach Gott“, den Martin Rhonheimer vor kurzem in Berlin gehalten hat.

Rhonheimer zeigte dazu, dass es bei der Frage, ob man an Schöpfung festhalten kann, wesentlich auf dreierlei ankommt: das Gottesbild, die Unterscheidung von Entstehung und Entwicklung sowie die Beachtung der Grenzen des naturwissenschaftlichen Aussagerahmens. Der Glaube an den außerhalb der Natur stehenden und dieses an sich zweckfreie Phänomen mit erkennbarem Sinn versorgenden Gott als Ursprung (nicht Anfang!) der Welt steht nicht im Widerspruch zum Wissen über die innere Kausalität der Naturmechanismen, mit denen uns die Naturwissenschaften so reich versorgen. Wer diesen Widerspruch sehe, verkenne entweder die transzendente Offenheit des christlichen Gottesbegriffs und verwechsle im Blick auf die bibische Genesis „Bild“ und „Bedeutung“ (Intelligent Design) oder ideologisiere die Evolutionstheorie in unzulässiger Weise (Evolutionismus). Soweit Rhonheimers (unspektakuläre) Ausgangsüberlegungen.

  • Bestechend schlichter Evolutionismus

Rhonheimer entfaltet diese Thesen souverän, nachvollziehbar und unterhaltsam.

Zunächst rekonstruiert er die Evolutionstheorie anhand ihrer Triebfedern „Mutation“ und „Selektion“, wobei er der häufig anzutreffenden Dichotomie „Plan/Schöpfung“ vs. „Zufall/Evolution“ insoweit entgegentritt, als er verdeutlicht, dass die Anpassung der Organismen an Umweltbedingungen keine beliebigen Veränderungen hervorbringen können, weil in dieser Umwelt Naturgesetze herrschen, die die evolutionäre Adaptionsleistung in gewisser Weise prädisponieren oder zumindest strukturieren. Evolution unterliegt also vielmehr einer „inneren Logik (nicht Zweckmäßigkeit!)“ als einer „reinen Zufälligkeit“.

Rhonheimer weist darauf hin, dass die Evolutionstheorie als Beschreibungs- und Erklärungsmuster dieser Phänomenologie auch historisch arbeitet – das unterscheidet sie methodisch von der rein empirischen Naturerforschung. Dabei hat sie jedoch gegenüber der historischen Forschung wiederum den Vorteil, dass in der Natur die Kontingenz der menschlichen Freiheit fehlt und stattdessen die Konstanz der Naturgesetze anzunehmen ist, so dass „Lücken“ gut rekonstruiert werden können. Die dokumentarischen Befunde (Fossilien) seien daher ein wissenschaftlicher Beweis für Evolution, zu der es keine Alternative gebe. Die Evolutionstheorie gibt uns in überzeugender Weise eine Antwort auf die Frage nach der Entwicklung des Lebens.

Keine Antwort jedoch kann sie (als naturwissenschaftliche Theorie) auf die Frage nach der Entstehung des Lebens (insbesondere des menschlichen Lebens) und des Universums geben. Rhonheimers Argument für diese These ist ein logisches: Als naturwissenschaftliche Theorie ist die Evolutionstheorie auf die Naturgesetze als Reflexionsfläche angewiesen. Bei der Entstehung der Naturgesetze sind diese ja gerade noch nicht da, so dass sich naturwissenschaftliche Aussagen über die Entstehung aufgrund der inneren Struktur von Naturwissenschaft nicht machen lassen. Wer dennoch als Naturwissenschaftler über Entstehungsszenarien spekuliert, müsse wissen, dass damit das Gebiet der Metaphysik betreten werde, die auf die Methoden von Philosophie und Theologie angewiesen ist, wenn sie denn überhaupt eine Konkurrenz zu anderen metaphysischen Entstehungsantworten (wie die christliche Schöpfungstheologie eine ist) sein will. Die Spekulation als „naturwissenschaftlich“ zu verkaufen, nur weil sie von Naturwissenschaftlern angestellt wird, suggeriert eine „Überlegenheit“, die nicht da ist.

Dem Evolutionismus hält Rhonheimer vor, sich mit solchen Grenzüberschreitungen zu einer Weltanschauung aufzublähen und unter dem Deckmantel der hohen Reputation von Naturwissenschaft atheistische Deutungen populär zu machen, die durch ihre Schlichtheit bestechen, bei näherer Betrachtung aber prinzipiell Verschiedenes zusammenbringen und damit keine überzeugenden Antworten auf die Entstehungsfrage geben.

Dem ID hält er vor, den materialistisch-naturalistischen Gottesbegriff aufzunehmen und Gott als Anfang einer sich entwickelnden Naturkausalität zu begreifen. Gott wird so zu einer innerweltlichen Super-Intelligenz, die als unmittelbare Erklärung für die Komplexität der Natur dient, bei der sich freilich gleich die Frage stellt, welche „Super-Super-Intelligenz“ denn nun diese „Super-Intelligenz“ geschaffen habe usw. Der beliebte Einwand verkennt jedoch, so Rhonheimer, dass man Gott nicht als Teil der Natur (und damit als Teil – also: Anfang – der Naturkausalität) denken dürfe, ohne damit den Gottesbegriff des Christentums (und der meisten anderen Religionen) falsch zu verstehen. Gott ist gerade ein über der Natur stehendes, transzendentes Wesen, das sich nicht durch die Naturerforschung – gleich welcher Provenienz – einfangen lässt – weder bestätigend (ID), noch ablehnend (Evolutionismus). Gott ist keine Antwort auf naturwissenschaftliche, sondern auf metaphysische Fragen. Eine davon lautet: Wie ist die hohe Komplexität der Natur erklärbar, wenn nicht durch den „Designer“?

  • Theistische Evolution nach Thomas

Rhonheimers Lösung ist die einer theistischen Evolution. Die Natur ist in sich ein zweckhaft organisiertes Ganzes, deren Prozesse eine teleologische Struktur besitzen. Wir sagen etwa: „Vögel bauen Nester, um darin ihre Eier abzulegen und ihre Jungen groß zu ziehen.“ Die Welt erscheint uns zutiefst sinnvoll. Da es innerhalb der Natur keine Intentionalität und Intelligenz gibt (und Naturwissenschaft sich demnach ausschließlich auf die kausalen Mechanismen bezieht und nicht über Zweck und Sinn handelt), muss diese von einer der Natur transzendenten intelligenten Ursache kommen, die gleichsam ihre Kunst in die Natur hineingelegt hat. Gott wird damit zur Ursache der Potentialität, die der Natur eingeschrieben ist: „Gott macht, dass sich die Dinge selber machen.“ Das ist die Idee der Natur als ratio artis divinae indita rebus (Thomas von Aquin), die Rhonheimer ausführlich darstellt, da er sie für eine gute Basis zum Verständnis der philosophisch-theologischen Problematik der Evolution, d. h. für eine Erklärung ihrer Komplexität hält. Es ist die eingestiftete Konsistenz die uns als Sinn aufscheint, die jedoch in der Naturkausalität selbst nicht aufweisbar ist. Damit, so Rhonheimer, passe auch das Bild der Genesis wieder sehr gut zur Evolution, da es darin vorrangig um die Ebene der Sinnhaftigkeit gehe, nicht aber konkrete Mechanismen beschrieben werden.

In der Tat kommen bei Thomas von Aquin die unterschiedlichen Ebenen von Transzendenz und Immanenz deutlich zum Tragen. Thomas’ positiv besetzter Naturbegriff, den er von Aristoteles herleitet, ist in vielerlei Hinsicht näher am metaphysischen Naturverständnis unserer Zeit als die Physikotheologie des 18. Jahrhunderts, die zum ID-Ansatz verleitet. Eine Aktualisierung der Quinta via, wie Rhonheimer sie vorschlägt, erscheint daher durchaus reizvoll und ertragreich, um den Widerspruch von einerseits nicht zweckhafter Naturkausalität und andererseits einem als zweckhaft und sinnhaltig erfahrenen Weltganzen aufzulösen und Gott als dessen transzendente Ursache zu begreifen, nicht als dessen immanenten Anfang.

  • Geschaffene Seele im evolvierten Körper

Rhonheimer schließt mit einigen anthropologischen Bemerkungen, die getragen sind von dem Gedanken, nicht den Menschen von der Evolution her, sondern die Evolution vom Menschen her zu verstehen. Die Anthropozentrik dieses Ansatzes ist dabei nicht Anmaßung, sondern Notwendigkeit, soweit es eben darum geht, uns in Beziehung zur Welt zu setzen. Das können wir gar nicht anders tun, als dadurch, dass wir uns über die nicht-menschliche Natur erheben und sie von unserer Warte aus betrachten, deuten und verstehen. Insofern ist auch Naturwissenschaft immer schon anthropozentrisch.

Der Mensch ist, soweit er Organismus ist, Produkt der Evolution – daran bestehe kein Zweifel. Es stelle sich, so Rhonheimer, jedoch die Frage, ob der Mensch durch Darstellung und Erklärung der mechanischen Kausalität seiner Organik bereits hinreichend beschrieben ist, oder ob ein solches naturalistisches Menschenbild unterbestimmt bleibt. Rhonheimer favorisiert das aristotelisch-thomistische Menschenbild des animal rationale, das sich durch eine leiblich-seelische Einheit auszeichnet, in der die Seele, die wir heute „Bewusstsein“ nennen würden, das Organisationsprinzip unseres Körpers ist. Die Evolution schaffe lediglich die Bedingungen, damit der Mensch als leiblich-seelisches Wesen existieren könne. Die Evolution, so schließt Rhonheimer daraus, ist um des Menschen willen gerade so abgelaufen, wie sie abgelaufen ist.

In der sich anschließenden Diskussion, die auf hohem Niveau statt fand, wurde nachgefragt, was genau das seelisch-geistige Moment denn sei, das den Menschen auszeichne? Rhonheimer erläuterte, dass er darunter das selbstreflexive Denken verstehe, also gewissermaßen das Denken zweiter Ordnung, das Denken des Denkens, das den Menschen zur Person macht. Alle anderen sinnlichen Fähigkeiten des Menschen, die er mit seinem nächsten Verwandten, dem Schimpansen, teilt, können sich nicht selbst zum Gegenstand machen. Das Sehen kann sich nicht selbst sehen, das Riechen sich nicht selbst riechen usw. Nur das Bewusstsein kann sich seiner selbst bewusst sein. Mit anderen Worten: Dadurch, dass wir über uns nachdenken und unser Denken, aber auch unser Wollen, ständig in einem reflexiven Prozess korrigieren können, erheben wir uns über die Natur und rechtfertigen die aus der Genesis abgeleitete Bezeichnung „Krone der Schöpfung“, deren Missbrauch – etwa im Zusammenhang mit schamloser Umweltzerstörung – nichts an ihrer Geltung ändere. Hinzu komme unsere präreflexive Selbsterfahrung, bei der die Naturwissenschaft nur einen Bereich der Aspektenvielfalt erfassen könne und um die analytische Leistung von Philosophie und Theologie ergänzt werden müsse. Auch das uns Menschen einzigartig innewohnende und geteilte „Bewusstsein von der Würde des Menschen“ (eine schöne Umschreibung von „Gewissen“!) deute auf die seelisch-geistige Qualität hin, die dem Menschen eine Sonderrolle zuschreibt.

Dass das Bewusstsein, die Geistseele des Menschen, mit all ihren Fähigkeiten, die sie uns als einheitlichem Wesen verleiht, aus Materie hervorgegangen sein könnte, wie ein weiterer Einwand zu bedenken gab, hält Rhonheimer für reine Spekulation. Es ist ein monistischer Glaube, der dem dualistischen hinsichtlich des Niveaus an vernünftigerweise vertret- und vermittelbarer metaphysischer Gewissheit nichts voraushat. Er ist zwar voraussetzungsärmer, wirft aber Fragen auf, die noch lange nicht geklärt sind, während mit Thomas’ Logik der Quinta via eine gut durchdachte Metaphysik vorliegt: Schöpferische Eingriffe Gottes geschehen gerade nicht (wie im Denkmodell des ID) in die Natur, sondern in die Geistseele des Menschen, die außerhalb evolutionärer Prozesse steht. Sie selbst ist unveränderlich, aber sie bleibt verwiesen auf einen Körper, der durch die Evolution hervorgebracht wird. Die Geistseele ist eine besondere „Pointe“ der Potentialität des Schöpfungsaktes – eben dessen „Krönung“.

Rhonheimer macht deutlich, dass der Glaube an Geist und Schöpfung (im Sinne des Ursprungs jeglicher Naturkausalität) und das Wissen von Materie und Evolution (aus der Erforschung jener Naturkausalität) nebeneinander stehen können, ohne dass es für den einen oder den anderen Bereich zu einer wesentlichen Einschränkung ihrer Aussagekraft kommt. Die meisten Zuhörer werden diese Botschaft dankbar vernommen haben.

Josef Bordat

Selten ist die selbsternannte Elite so unverfroren. Für Anfang Juni haben das Kulturwissenschaftliche Institut Essen, die Stiftung Mercator, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und das Wuppertal-Institut zu einem Kongress nach Essen geladen, auf dem über die angeblich notwendige „große Transformation“ diskutiert werden soll.

So respektabel die Namen der einladenden Institutionen auch sein mögen – das Tagungsprogramm lässt einen schaudern: In Session III gibt es eine Veranstaltung „From Knowledge to Action“. Man hat nämlich beobachten müssen, wie es in der Ankündigung heißt, dass man zwar wissenschaftliche Erkenntnisse formulieren und Handlungsempfehlungen für die Politik abgeben kann. Allerdings ist es eine ganz andere Sache, ob diese Ratschläge auch angenommen und in die Praxis umgesetzt werden. Deshalb fragt man sich:

„What are the most beneficial conditions under which a change in mindsets and the development of alternative behaviour patterns may be achieved? And what can be learned by other societies’ successful ways of coping with environmental threats and disasters?“

Das klingt noch recht unverfänglich, doch bereits in der nächsten Session, die offenkundig in einem engen inhaltlichen Zusammenhang steht, geht es ans Eingemachte. „How can Democracy cope with this Climate Stress?“ fragen die Veranstalter und erläutern:

„Technological innovation and political regulation can only be effective if ‚the people’ participate in their various roles as polluters, producers and consumers of goods, citizens and voters. Democratic regimes are not well prepared for the level of participation that is required: Can free democratic societies cope with the effects of grave changes in the global climate, or might authoritarian regimes possibly be better placed to enforce the necessary measures?“

Diese Sätze muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Auf der Tagung soll allen Ernstes darüber debattiert werden, ob die Demokratie im Angesicht des Klimawandels die geeignete Staatsform ist.

Nun könnte man argumentieren: „Man muss auch solche Fragen diskutieren dürfen.“ Gut gebrüllt, Löwe, die Freiheit der Wissenschaft ist grundgesetzlich garantiert. Doch das Ergebnis der Diskussion könnte lauten: „Autoritäre Regime sind besser gerüstet, um mit den Folgen des Klimawandels fertig zu werden.“ Was würde daraus folgen? Den Veranstaltern des Kongresses ist ganz offensichtlich sehr daran gelegen, endlich aus der Rolle des ohnmächtigen Ratgebers herauszukommen und selbst praktisch wirksame Entscheidungen zu treffen. Sie wollen nicht mehr auf Politiker warten, die auf die Stimmungen ihrer Wähler Rücksicht nehmen müssen – „From Knowledge to Action“ lautet die Parole. Da wäre es doch nur konsequent, wenn man die Demokratie durch ein autoritäres Regime oder – warum denn nicht? – eine Diktatur zu ersetzen.

Dass sich Wissenschaftler vom Schlage Schellnhubers oder Rahmsdorfs Gedanken über Alternativen zur Demokratie machen, sollte niemanden verwundern. Sie meinen eben, dass der Weltuntergang naht und dass sie die einzigen sind, die das erkannt haben. Nicht von ungefähr ist im „Potsdam-Memorandum“ von „Wissenschaft und Gesellschaft“ die Rede, als handele es sich um voneinander getrennte Bereiche, und davon, dass die „wissenschaftliche Gemeinschaft mit den Führungskräften, Institutionen und Bewegungen, die die Welt-Gesellschaft repräsentieren, ein strategisches Bündnis eingehen muss.“ Mit dem Pöbel geben sie sich nicht mehr ab, schließlich behindert der die erleuchteten Klimaforscher nur bei ihrer Arbeit. Dass bei dieser Art des Hobelns auch ein paar Späne fallen, nehmen sie in Kauf. Wer die Welt retten muss, kann auf Menschenrechte keine Rücksicht nehmen.

Der Skandal besteht darin, dass die Schellnhubers und Rahmsdorfs dieser Welt inzwischen ganz ungeniert ihre Allmachtsphantasien mit Gleichgesinnten diskutieren dürfen. Keiner fällt ihnen in den Arm und hält sie auf. Sie werden nicht vom Verfassungsschutz beobachtet und auch nicht von Polizeibeamten für ein mahnendes Gespräch in ihren Wohnungen aufgesucht. Im Gegenteil, ihre offenkundig verfassungsfeindlichen Bestrebungen werden auch noch von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel geadelt, der eine Grußbotschaft beisteuern möchte. Sieht denn keiner, dass mit solchen Fragestellungen, wie sie auf der Tagung behandelt werden sollen, eine Grenze überschritten wird?

Nachdem die sozial-liberalen Bundesregierung 1972 den „Radikalenerlass“ verabschiedet hatte, wurde jeder Anwärter auf einen Posten im öffentlichen Dienst auf seine „Verfassungstreue“ geprüft. Ob jemand Professor werden wollte oder Lokführer – er musste sich einem Gesinnungstest unterziehen. Und wehe, er war Mitglied der – nicht verbotenen – DKP! Dann galt er als unzuverlässig und nicht verfassungstreu. Auch heute noch werden mutmaßlich verfassungsfeindliche Organisationen und Einzelpersonen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ausgeforscht. Aber die, die eigentlich wichtig sind, weil sie Einfluss haben, dürfen ungehindert die Verfassung zur Disposition stellen, ohne dass sie irgend welche Konsequenzen zu befürchten hätten.

Autsch, das tut weh! Peter Monnerjahn demonstriert auf Telepolis, wie schlecht er lesen kann und wie sehr bei ihm der Wunsch Vater des Gedankens ist. In seinem Artikel „Bischof Huber: Gott ist nicht real“ schreibt er:

„Wie der ehemalige Professor für Theologie in seinem Buch ‚Der christliche Glaube’ ausführt, ist es ein grundlegender Fehler, Gott als etwas anzusehen, das an die Bedingungen von Raum und Zeit, also der objektivierbaren Realität, gebunden ist. Hier stellt er sich unmissverständlich an die Seite anderer religionskritischer Stimmen wie der von Richard Dawkins, der ebenfalls darauf hinweist (u.a. in seinem Buch ‚The God Delusion’, dt. ‚Der Gotteswahn’), dass jegliche Gottheit nicht gut mit unseren Erkenntnissen über Raum und Zeit, also das Universum, in Einklang zu bringen ist. Den ‚Schöpfer’ dürfe man nicht, so Huber, als ‚eine in der Natur wirkende Kraft’ verstehen. Dadurch würde nämlich der Schöpfungsglaube zu einer wissenschaftlichen Hypothese, womit er ein ebenfalls durch Dawkins berühmt gewordenes Argument aufgreift.“

Dumm nur, dass Monnerjahns Interpretation der Huberschen Aussagen nicht stimmt und eigentlich das Gegenteil von dem, was er da herausliest, richtig ist. Huber sagt, dass Gott nicht objektivierbar ist und nicht mit den Methoden der Wissenschaft erfasst werden kann, weil er jenseits von Raum und Zeit ist. Dawkins dagegen versucht, Gott in menschliche Kategorien zu pressen, er würde seine Existenz gerne mit wissenschaftlichen Methoden nachweisen können. Da das naturgemäß nicht geht, folgert er, dass es Gott nicht gibt.

Beider Aussagen widersprechen sich also diametral. Davon, dass sich Huber der naturalistischen Weltdeutung annähere, kann nicht die Rede sein.

Wenig Hoffnung auf einen Dialog zwischen Naturalisten und Theisten macht Hansjörg Hemminger in seinem Bericht von der Dortmunder Tagung „Einstellungen zu Evolution und Wissenschaft in Europa“. Während die meisten Naturwissenschaftler gegenüber dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion indifferent blieben, hätten die Anwesenden zu jener Minderheit gehört, die die Auseinandersetzung mit diesem Thema suchten. Hemminger identifiziert zwei Gruppen: Die eine sei zu Differenzierungen in der Lage und sehe im Kreationismus

„eine theologische Position, die durch den falschen Anspruch entstellt wird, alternative Naturwissenschaft zu sein.“

Die andere halte Religion pauschal für ein Auslaufmodell, das durch den Fortschritt in den Wissenschaften dereinst ersetzt werden würde.

„Aus dieser Sicht ist der Kreationismus ein Symptom einer allgemeinen religiösen Irrationalität. Das eigentliche Problem sind dann nicht die vergleichsweise wenigen erklärten Kreationisten, sondern die noch nicht kulturell entmachteten Religionen, die dem vereinheitlichten wissenschaftlichen Weltbild im Wege stehen – und dies umso mehr, je differenzierter sie denken und reden.“

Hemminger teilt mit, dass nach seinem Eindruck die letztgenannte Position auf der Tagung immer wieder durchgedrungen sei. Deutlich formuliert wurde sie von Thomas Junker, der, dem Berichterstatter zufolge, der Ansicht ist, dass man entweder ein naturwissenschaftliches Weltbild habe oder ein kreationistisch-religiöses und dass beide unvereinbar seien.

Kommentiert Ulrich Kutschera jetzt sogar Rezensionen seines Buches „Tatsache Evolutionbei  Amazon? Was dort ein gewisser „U. Kutschera“ von sich gibt, klingt ganz nach ihm. Und da der größte Evolutionsbiologe aller Zeiten eitel ist, traut man ihm eine derartige Intervention in eigener Sache durchaus zu. Doch halt! So schräg – und deshalb plausibel – der Gedanke auch sein mag: Als „U. Kutschera“ kann sich bei Amazon im Grunde jeder anmelden. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass es sich bei dem Eintrag um einen Witz handeln könnte. Der wäre allerdings gelungen.

Alexander Kekulés Kolumne im Berliner Tagesspiegel stellte die Leser jüngst wieder vor ein Rätsel: Wie ist es möglich, dass ein ordentlicher deutscher Professor auf so engem Raum so viel hanebüchenen Unsinn verzapfen kann? Sicher, Kekulé ist nicht der erste, der seine wirren Gedanken ungefiltert zu Papier bringt und dafür einen Abnehmer findet. Aber die Tiefe des Abgrundes ist schon erschreckend.

Zum Teil ist das, was er von sich gibt, gelinde gesagt, umstritten. Meines Wissens ist man sich unter Darwinisten einig, dass Mensch und Affe gemeinsame Vorfahren haben, dass die Aussage „Der Mensch stammt vom Affen ab“ also nicht stimmen kann. Dann bringt Kekulé Sätze, die grammatikalisch so falsch sind, dass es schon wehtut („Darwin sagte voraus, dass alles Leben von einem einzigen Urahn abstammen müsse.“), und solche, die einfachsten aussagenlogischen Anforderungen nicht genügen: „Mit der Evolutionstheorie ist nämlich auch bewiesen, dass die Arten einzig und alleine durch Selektion auseinander hervorgegangen sind.“ Geradezu komisch sind Null-Aussagen, an denen Egon Friedell seine Freude gehabt hätte: „Die größte Überlebenstüchtigkeit besitzt, wer sich an veränderliche Umwelteinflüsse am besten anpasst.“ Außerdem hat Kekulé von der jüdisch-christlichen Religion und ihrem Verhältnis zu den Wissenschaften überhaupt keine Ahnung, wie dieser Satz zeigt: „Am deutlichsten ist der Widerspruch [der Evolutionslehre – BK] zur jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichte.“ Und dass er darüber hinaus keine Ahnung haben will, beweist er mit einem völlig zusammenhanglosen Hinweis auf eine Kontroverse über Sterbehilfe in Italien („Auch andere Staaten sind zwischen Wissenschaft und Glauben gespalten“).

Was Kekulé und der Tagesspiegel den Lesern zumutet, ist eine Unverschämtheit. Zum einen missbraucht er seinen Titel dazu, seine persönlichen Meinungen über Gott und die Welt mit „wissenschaftlichen“ Weihen zu versehen. Zum andern tut er das mit einer Schlampigkeit, die man nur arrogant nennen kann, denn sie lässt sehr deutlich erkennen, was er von seinem Publikum hält: nichts. Was erlaubt sich diese Person eigentlich?

Ein beklemmendes Schauspiel wird zur Zeit auf scienceblogs.de gegeben. Dort hat vor kurzem Jörg Friedrich seinen Blog „Arte-Fakten“ gestartet, in dem er den Wissenschaftsbetrieb und die Wissensproduktion unter die Lupe nimmt. Er streift dabei auch die Diskussionen über den Klimawandel und die Evolutionstheorie, wobei er immer mindestens ordentliche, in keinem Fall anstößige Beiträge abliefert. Dennoch wird er von den Kommentatoren, vor allem von den anderen Sciencebloggern, geradezu hingerichtet.

Die Kommentare sind in der Regel scharf formuliert, zum Teil hochaggressiv. Friedrich muss sich Fäkalausdrücke, arrogante Belehrungen und beleidigende Spekulationen über seine akademische Ausbildung gefallen lassen. Und immer wieder wird die Frage gestellt, was er mit „Arte-Fakten“ bei scienceblogs.de verloren habe. Manchmal verliert dann sogar Friedrich die Fassung, kriecht aber später wieder zu Kreuze und bittet um Entschuldigung. Die Kommentatoren haben diese Größe nicht, sondern machen einfach weiter: fordern ultimativ, dass er Abbitte leiste, seine Irrtümer endlich einsehe etc. pp. Bei der Lektüre kommt einem immer wieder das stalinistische Mittel der „Kritik und Selbstkritik“ in den Sinn – und ist entsetzt.

Was hat Friedrich verbrochen? Ein Außenstehender würde vermuten: nichts. Aber wer so denkt, hat die besondere (Ir-)Rationalität der in ihrem Gedankenkreisen verlorenen Nachwuchswissenschaftler übersehen. In ihren Augen hat Friedrich mit seinen im besten Sinne naiven Postings ein Sakrileg begangen, denn über Wissenschaft gibt es nichts zu diskutieren. Wissenschaft ist ausschließlich das, was sie selbst tun bzw. was sie glauben, das sie tun. Zwischen sie und der Wissenschaft als solcher passt kein Blatt Papier, also muss alles andere unwissenschaftlich sein, vermutlich kreationistisch, und da Friedrich das nicht einzusehen bereit oder in der Lage scheint, ist er eben ein Verräter.

Man darf gespannt sein, ob und wann es den Giftspritzern gelingt, Friedrich auf Linie oder zur Strecke zu bringen. Die Chancen dafür stehen gut, denn so viele Schmähungen kann auch der hartgesottenste Blogger nicht auf Dauer ertragen, zumal wenn sie aus den eigenen Reihen kommen. Schade wäre es jedenfalls. Deshalb wünscht man dem vermeintlichen Nestbeschmutzer ein breites Kreuz. Möge er die Fahne des Denkens, der Freiheit, der Wissenschaft noch ein Weilchen in den Wind halten!

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