Ob es an der vorweihnachtlichen Stimmung lag, die Martin Urban zur Feder greifen und einen Aufsatz „Die Kunst, den Zweifel auszuhalten“ schreiben ließ? Vermutlich, denn sonst hätte er schon im November an die Leser von „Spektrum der Wissenschaft“ denken müssen, um ihnen einen gemäßen Jahresendgruß in Ausgabe 12 mitzugeben. Na ja, jetzt ist der Essay eben erst im Januarheft erschienen.

Gestählt durch sein rationales Physikstudium und lediglich gebremst durch seine Altersmilde geht Urban (Jahrgang 1936) mit den einfachen, leichtgläubigen Menschen ins Gericht. Die einfachen Menschen lassen sich nämlich leicht zum Aberglauben verführen. Und zwar vom Papst und anderen Fundamentalisten aus dem Vatikan. Oder von protestantischen Pfarrern. Die berufen sich komischerweise alle auf eine sogenannte Offenbarung und bestärken „unseren Kinderglauben“ – und haben deshalb leichte Beute. Dabei ist es doch eigentlich so: „Denken ist, anders als Glauben, schon biologisch eine anstrengende Angelegenheit.“ Und das mit der Offenbarung ist nicht mehr als „ein Erbe aus der Altsteinzeit.“

Aber zum Glück gibt es ja die Intellektuellen, die Wissenschaftler. Die gehen sowieso nicht mehr in die Kirche. Die glauben keinen Unsinn, sondern vertrauen auf hard facts. Und zweifeln immer wieder an sich selbst und haben das auch gelernt und nutzen das jetzt und werden auf diese Weise viiiiiiiieeeeeel klüger, also echt. Es ist doch so: „Während Wissenschaftler das ‚Ja, aber’ als Methode für Erkenntnisfortschritt nutzen, kennen christliche Gemeinschaften nur das ‚Amen’ in der Kirche, das keinen Widerspruch duldet.“

Leider hat es die wissenschaftliche Aufklärung auch deshalb so schwer, weil die einfachen Menschen dumm gehalten werden. Von katholischen wie evangelischen Verführern. Die sind allesamt ganz schön gemein, weil: „Sie halten die Bilder, die sie sich von der Wirklichkeit machen und die sie seit zweitausend Jahren immer feiner ausspinnen, für die Wirklichkeit.“ Und weil: „Die katholische Kirche macht den Aufbruch des 2. Vatikanischen Konzils rückgängig.“ Und weil: „Die evangelischen Kirchen vergessen das Erbe der Aufklärung.“

Aber so ist das eben, leider. Ist aber alles ganz rational erwiesen von rationalen Wissenschaftlern wie Urban. Dass nicht Hinz, nicht Kunz, und schon gar kein zu Aberglauben und Fundamentalismus verhetzter Christ, Moslem, Jude oder Zeuge Jehovas zu solchen tiefgründigen Erkenntnissen gelangt, ist doch klar. Dazu muss man schon 34 Jahre lang die Wissenschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung geleitet haben. Und vielleicht hat ja auch die vorweihnachtliche Stimmung das Ihre getan.