Dass der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, für seine Ausführungen zur Menschenwürde von Embryonen kritisiert werden würde, war abzusehen. Jetzt hat ihm am selben Ort, in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Nr. 6, 31. Januar, S. 10), der höchst interessierte Stammzellenforscher Alexander Kekulé geantwortet, der an der Universität Halle das Institut für Medizinische Mikrobiologie leitet.

Kekulé will sich nicht allen Argumenten Lehmanns verschließen: „Die Würde des Menschen kann nicht abgestuft oder aufgewogen werden,“ stimmt er ihm zu. Insofern seien sich „alle christlichen Religionen und die Ethik der Aufklärung einig.“ Die entscheidende Differenz zwischen ihm und Lehmann verortet er in der Bewertung der Frage, was ein Mensch ist, dessen Würde geschützt werden muss. Eine Blastozyte – ein „Zellhaufen“, wie er formuliert – ist es in seinen Augen jedenfalls nicht.

Ein Mensch ist für Kekulé eine Person, ein „vernunftbegabtes Subjekt derselben Art“. Darunter fasst er auch Alzheimerpatienten im Endstadium, ungeborene Kinder und geistig Behinderte, „weil sie eine Person waren, sein werden oder bestimmungsgemäß sein sollten. Basis der Menschenwürde ist letztlich die Zugehörigkeit zur Familie der Menschen, die Schicksalsgemeinschaft der biologischen Art. Wir helfen dem Nächsten, weil er einer von uns ist.“ Ein „differenziertes und tiefes Verständnis für die Würde des Menschen“ nennt Kekulé seine Ansicht, die er darüber hinaus für „zivilisiert“ hält.

Ab welchem Entwicklungsstadium er sich im Fötus wiedererkennen kann, verrät Kekulé leider nicht. Das wäre aber schon interessant gewesen. Denn nun bleibt es bei der etwas unverbundenen Bekräftigung, dass eine Blastozyte ein „im Labor hergestelltes Kunstwesen ohne Zukunft ist, das außerhalb des menschlichen Kreislaufs von Geburt und Sterben steht.“ Weshalb gelte: „Die einzigartige und unantastbare Menschenwürde besitzen Blastozyten jedoch nicht.“

Die feinsinnige – und gar nicht einmal falsche, jedoch folgenreiche – Unterscheidung zwischen Mensch und Person ist nicht neu. Es ist ein anderer Aspekt an Kekulés Ausführungen, der so beunruhigend ist: die Ethik, die er ganz en passant propagiert.

Empathie für die Lebewesen, in denen wir uns wiedererkennen, soll das Kriterium für Schutzwürdigkeit sein. Damit propagiert der Wissenschaftsfunktionär eine Moral des Mitläufers, des Schergen, der sich hinterher darauf beruft, doch nichts Schlimmes getan zu haben. Diese Mitläufer haben in der Regel tatsächlich nichts Schlimmes getan – weil zuvor Leute wie Kekulé die große Untat in kleine Einzelschritte zerlegt haben, so dass dem kleinen Mitläufer der Gesamtzusammenhang nicht mehr bewusst wird. Und wenn sich doch einmal das Gewissen regt, ist er so gestaltet, dass es dem Mitläufer ein leicht gemacht wird, es ganz schnell wieder zu betäuben.

Der Embryo verliert nicht seine Würde, weil er uns so unähnlich ist, sondern sie kommt ihm zu, weil er bereits Mensch ist, unabhängig von seiner äußeren Gestalt. Eine Grenze zwischen dem Zustand des – im Kekuléschen Sinne – ‚Mensch sein, weil er uns so ähnlich ist’ und einer Art vormenschlichen Gebilde, das Kekulé offenbar zu identifizieren in der Lage ist, ist nicht sinnvoll zu ziehen.

Es mag ja sein, dass Kekulé die Moral der Mittelbarkeit zutreffend beschrieben hat, aber daraus sollte man keine Ethik stricken. Den Verlust der unmittelbaren Erfahrung in der modernen Welt kann man beklagen oder begrüßen – er lässt sich nicht rückgängig machen. Um so wichtiger ist es, moralisches Verhalten nicht an das Vorhandensein von Unmittelbarkeit zu knüpfen. Sondern man muss umgekehrt an das Problem herangehen: Da, wo man den Nächsten nicht mehr wahrnimmt, ist alles zu tun, um ihn wieder in den eigenen Gesichtskreis zurück zu holen.