Der Bericht von Markus Rammerstorfer in einem Weblog über seinen Versuch, einen Artikel in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen, hat keine große Resonanz hervorgerufen. Dabei verdient der Vorfall etwas mehr Aufmerksamkeit. Oberflächlich betrachtet geht es lediglich darum, dass ein Autor die Erfahrung machen musste, dass sein Artikel, in den er viel Arbeit investiert hat, von einer Redaktion abgelehnt wurde. So etwas kommt vor, und zwar gar nicht selten. Doch wenn man sich die Details ansieht, zeigt sich, dass der Fall exemplarische Bedeutung hat.
Rammerstorfer schickte, gemäß seiner Selbstauskunft (die Redaktion wollte keinen Kommentar abgeben), ein Destillat seiner eigenen Forschungen über Rückenschmerzen an die Redaktion der Zeitschrift „Physiopraxis“, die die Veröffentlichung des kurzen Artikels nach einer Überarbeitung zusagte. Rammerstorfer tat wie ihm geheißen und übersandte zusätzlich, ebenfalls wie gewünscht, ein paar Informationen über sich und was ihn dazu bewogen hatte, über das Thema zu schreiben.
Dabei wies Rammerstorfer auch auf sein Buch „Nur eine Illusion? Biologie und Design“ hin, in dem er sich für das Konzept des „Intelligent Design“ stark macht. Die Redaktion reagierte daraufhin unerwartet: Sie zog die Publikationszusage mit folgender Begründung zurück: „Wir haben von einer Veröffentlichung Ihres Textes abgesehen, da uns erst bei der Recherche über Ihr Buch bewusst wurde, welche Motivation Sie mit diesem Text unterstützen. Das wiederum wollen wir nicht unterstützen.“
Man kann es gar nicht genug betonen: Der Text wurde nicht abgelehnt, weil er schlecht gewesen wäre, nicht in das Profil der Zeitschrift passte oder aus anderen nachvollziehbaren Gründen. Sondern einzig und allein weil die Redaktion die „Motivation“ des Autors „nicht unterstützen“ wollte. Der Inhalt war plötzlich nicht mehr wichtig.
Sind Wirbelsäulenprobleme evolutionär bedingt?
Aus inhaltlichen Gründen konnte man den Text in der Tat kaum ablehnen, denn in dieser Beziehung ist er ohne Fehl und Tadel. Rammerstorfer stellt eingangs fest, dass „populäre Darstellungen“ das häufige Auftauchen von Wirbelsäulenproblemen oft darauf zurückführten, dass die Wirbelsäule nur dem Gang des Vierbeiners, aber nicht dem aufrechten Gang des Menschen angemessen sei, es sich bei der menschlichen Wirbelsäule mithin um „evolutionären Pfusch“ handele.
Er kontrastiert diese Auffassung mit der Feststellung, dass auch Vierbeiner häufig unter Wirbelsäulenproblemen litten. Es gebe außerdem Wissenschaftler, die die These von der fehlkonstruierten Wirbelsäule bezweifelten. Wenn sich der Mensch, meinten diese, evolutionär vom Vier- zum Zweibeiner entwickelt hätte, hätten 400.000 Generationen (so lange geht der Mensch angeblich schon aufrecht) doch ausreichen müssen, um sich an die Besonderheiten ihres so substanziell von Vierbeinern abweichenden Ganges anzupassen. „Damit wäre die populäre Begründung für Wirbelsäulenprobleme hinfällig,“ folgert Rammerstorfer.
Darüber hinaus gebe es Wissenschaftler, die der Überzeugung seien, dass sich die Wirbelsäule eines Vier- von der eines Zweibeiners nicht wesentlich unterscheide. Daraus dürfe man aber nicht den Schluss ziehen, die des Zweibeiners sei für den aufrechten Gang nicht angemessen. Er schließt: „Man kennt heute zahlreiche Ursachen für Wirbelsäulenprobleme. Zusätzlich spekulative und biologisch fragwürdige evolutionär-historische Ursachen einzuführen, wie dies in vielen Ratgebern geschieht, scheint also unnötig.“
Die Argumentation ist einleuchtend und schlüssig. Rammerstorfer kontrastiert die Aussagen populärwissenschaftlicher Ratgeber zum Volksleiden Rückenschmerzen mit denen von wissenschaftlichen Experten. Er wägt die Argumente und kommt zu einem begründeten und sehr vorsichtigen Schluss: Den Schluss, dass die Probleme vieler Menschen mit ihrer Wirbelsäule evolutionäre Ursachen hat, kann man seriöserweise nicht ziehen, weil er spekulativ bleibt.
Gesinnungstest nicht bestanden
Man muss der Redaktion von „Physiopraxis“ für ihre Offenheit dankbar sein, mit der sie die Publikationszusage zurückgenommen hat. Denn dadurch macht sie eine Verhaltensweise sichtbar, die an vielen anderen Stellen verdeckt praktiziert wird. Sie ist von der Art, in der im Sozialismus „Parteilichkeit“ verordnet wurde. So wie z.B. das SED-Regime weniger auf die Qualität einer Arbeit achtete, sondern auf ideologische Folgsamkeit des Arbeitenden, so wiegt für Naturalisten die – vermeintliche – Gesinnung eines Autors schwerer als seine wissenschaftliche Leistung.
Diese Praxis, für die das Handeln der Redaktion von „Physiopraxis“ beredtes Zeugnis gibt, hat individuelle und strukturelle Folgen. Auf individueller Ebene werden Karrieren blockiert und Chancen verbaut. Strukturell gesehen wird wissenschaftlicher Fortschritt behindert und werden wissenschaftliche Standards gesenkt, weil unorthodoxe Ansätze von vornherein nicht zugelassen werden. Das Zeugnis etwa, das sich besagtes Journal selbst ausstellt, fällt denkbar schlecht aus.
Man muss gar keine Sympathie für das ID-Konzept hegen. Man kann über die fruchtlosen Versuche, „Designsignale“ zu entdecken, den Kopf schütteln oder sie ignorieren oder sich aufregen. Aber man darf bei der Entscheidung über die Publikation eines Aufsatzes oder einer wie immer gearteten Äußerung auf keinen Fall die Gesinnung über den Inhalt stellen. Doch genau so verfahren Wissenschaftler, die den Naturalismus zu ihrer Weltanschauung erhoben haben. Das Schlimme daran ist, dass sie damit – wenn man den Begriff weit fasst – eine Art Zensur ausüben. Und zwar, ironischerweise, im Namen der Wissenschaft.
20. Februar 2008 at 17:19
interessant !
21. Februar 2008 at 16:15
Wie man aus einer Einzelablehnung von einer (nicht-wissenschaftlichen) Fachzeitschrift auf „Karrieren [werden] blockiert“, „Chancen verbaut und wissenschaftliche Standards gesenkt“ schließen kann, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.
Hauptsächlich liegt das nicht Auftauchen von Artikeln mit ID/kreationistischem Hintergund daran, dass in Ermangelung irgendwelcher Forschungsprojekte keine Artikel eingereicht werden.
Würde tatsächlich eine systematische Ablehnung von Artikeln nur wegen der Gesinnung stattfinden, würde man, bei der Tendenz zum Heulen über „Persecution“ von Seiten der IDler, sicherlich ellenlange Listen von Artikeln finden, die abgelehnt wurden, zusammen mit den Kommentaren der Reviewer.
21. Februar 2008 at 23:06
Ich empfehle die Lektüre von Ulrich Kutscheras Artikel „The Basic Types of Life“ (kann von der Seite der AG Evolutionsbiologie heruntergeladen werden, Rubrik „Publikationen“). Daraus geht hervor, dass sehr wohl Artikel von ID-Autoren angeboten und sogar veröffentlicht werden. Und es wird anschaulich demonstriert, wie Gesinnungspolizisten vom Schlage Kutscheras Druck auf Redaktionen ausüben, um mutmaßlich kreationistische Autoren auszugrenzen.
22. Februar 2008 at 18:05
Daraus geht hervor, dass sehr wohl Artikel von ID-Autoren angeboten und sogar veröffentlicht werden.
Na, dann werden sie ja doch nicht systematisch abgelehnt…
um mutmaßlich kreationistische Autoren auszugrenzen.
Ich fände es falsch, wenn Artikel nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen der „Gesinnung“ ihrer Autoren abgelehnt wurden. Solange der Text den wissenschaftlichen Ansprüchen des jeweiligen Journals genügt, bin ich voll dafür, sie zuzulassen – nur damit keine Zweifel aufkommen.
Aber ich behaupte auch, dass das so gut wie nie vorkommt, da man, mal abgesehen von ein paar semiprominenten Vertretern wie beispielsweise Scherer und Loennig, bei den meisten Autoren überhaupt gar nicht *weiß*, welche „Gesinnung“ sie haben. Woher auch? Wie sollten dann Artikel systematisch aufgrund der Gesinnung der Autoren abgelehnt werden?
Das ist doch alles nur Verschwörungstheorie, um zu vertuschen, dass null wissenschaftliche Arbeit geleistet wird.
23. Februar 2008 at 15:10
„Das ist doch alles nur Verschwörungstheorie, um zu vertuschen, dass null wissenschaftliche Arbeit geleistet wird.“
Womit wir wohl wieder beim Kernproblem wären: Was ist wissenschaftlich? Wer legt das fest? Was wird demnach im Diskurs zugelassen? Hier erfolgt der Ausschluss wohl aufgrund der Methode, welche Rückschlüsse auf die „Gesinnung“ erlaubt, insoweit Artikel, die nicht zu erkennen geben, naturalistisch zu argumentieren, abgelehnt werden, obwohl es im Wissenschaftsbetrieb mit Feyerabend keine allgemeinen Maßstäbe gibt, mit denen man verschiedene wissenschaftliche Methoden bewerten könnte und daher mit Habermas gelten sollte, dass „naturalistische Weltbilder [..] keineswegs prima facie Vorrang vor religiösen Auffassungen [genießen]“ (im Gespräch mit Ratzinger, 2004), so diese denn, das ist jetzt meine Einschränkung, etwas zur Fragestellung beizutragen haben.
Aber diese Rückenschmerzgeschichte hört sich doch sehr plausibel an (nicht, dass ich das im einzelnen medizinisch nachvollziehen könnte, aber das kann ja dann als Antwort im Fachdiskurs geschehen). Zunächst scheint es ein Beitrag zur Sache zu sein.
Wie dem auch sei: Dir, Benno, jedenfalls herzlichen Dank für den wieder einmal gut geschriebenen Artikel!
Josef
25. Februar 2008 at 8:54
Für alle, die den Artikel von Kutschera nicht gelesen haben:
Er beschreibt dort, wie das von ihm als kreationistisch verteufelte Grundtypenkonzept in mehreren peer-reviewed Zeitschriften bzw. Buchreihen aufgetaucht ist. Da das Grundtypenkonzept in Kutscheras Augen aber nicht wissenschaftlich sein kann, meint er, dass es sich um, gelinde gesagt, mehrere Versehen gehandelt haben muss. Deshalb wurden er oder Kollegen bei der jeweiligen Redaktion vorstellig und pressten ihnen die Zusage ab, dass so etwas nicht wieder vorkommen soll.
Das heißt:
1. „Kreationistische“ Artikel werden von unabhängigen Gutachtern durchaus als wissenschaftlich angesehen und deshalb auch veröffentlicht.
2. Kutschera und andere setzen Redaktionen unter Druck, weil sie die „falschen“ Artikel, solche, an denen inhaltlich nichts auszusetzen ist, veröffentlicht haben.
27. Februar 2008 at 16:45
[...] mehr steigert sich anschließend der sich als Journalist bezeichnende Benno Kirsch da rein. Auf seinem Blog schreibt er dann von einer „Fachzeitschrift”, die [...]
1. März 2008 at 18:59
@jobo72:
Womit wir wohl wieder beim Kernproblem wären: Was ist wissenschaftlich? Wer legt das fest? Was wird demnach im Diskurs zugelassen?
In diesem Fall ist das sehr einfach festzustellen. Selbst die Journale, die IDler selber herausgeben, veröffentlichen keinerlei Forschung von IDlern, siehe z. B. hier.
Um zu erkennen, das eine Gruppierung, die es nicht fertig bringt, in fast drei Jahren auch nur einen einzigen Artikel in ihrem eigenen Journal zu veröffentlichen, nicht wirklich wissenschaftliche Arbeit leistet, brauche ich keine Wissenschaftstheorie zu bemühen.
JLT
1. März 2008 at 19:00
Hier noch das fehlende ’s’.
30. März 2008 at 17:51
Ein komplexes Thema. Was dabei oft untergeht ist das monetäre Interesse der Verlage und ihre ständige Angst sie könnten ihre Leser verscheuchen. Wissenschaftliche Zeitungen haben es bei uns schwer, denn die Leserschaft ist auf eine kleine Sprachfamilie eingeschränkt und die Auflage damit klein. Der Aufwand ist vergleichsweise hoch und damit ist eine Fachzeitschrift teuer. Ein kleiner Fehler kann das ökonomische K.O. bedeuten. Daher sind diese übervorsichtig wenn es um sehr umstrittene Autoren geht. Leider muss man sagen ist das so. Auch zugehörigkeit zu einer Partei oder Religion können nicht immer nur förderlich sein, wie jeder Autor weiß.
Jedenfalls guter Beitrag!