„Gegenüber einer metaphysischen Vorentscheidung gegen alle Metaphysik hilft nur der argumentative Kampf mit den rationalen Mitteln eben dieser Wissenschaft.“ Das ist die Quintessenz von Christian Kummers Aufsatz „Ein neuer Kulturkampf? Evolutionsbiologen in der Auseinandersetzung mit dem ‚christlichen Schöpfungsmythos’“, der in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (2/2008) erschienen ist.
Kummer zeigt, dass es naturalistischen Evolutionstheoretikern – z.B. jenen, die sich in der AG Evolutionsbiologie zusammengefunden haben – bei ihrem Kampf gegen den Kreationismus nicht allein um die Aufrechterhaltung wissenschaftlicher Standards geht, sondern auch und vor allem um den Kampf gegen das biblisch-christliche Weltbild. Der Kampf gegen den Kreationismus muss als Teil dieses Kampfes verstanden werden. „Vielmehr wird hier der ideologischen Verengung des Christentums als Kreationismus ein ebenso verengter, oder besser gesagt: pointierter Naturalismus entgegengesetzt, und der ist nicht minder ideologisch.“
Um den christlichen Glauben insgesamt zu diskreditieren, suggeriert z.B. der Kasseler Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera, dass sich die christlichen Kirchen seit hundert Jahren nicht verändert hätten und dass die Theologie noch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts verharre. Kummers Schlussfolgerung ist einleuchtend: „Das bestätigt unsere Vermutung, der allseits als anerkennenswert erachtete Feldzug gegen den Kreationismus diene nur als willkommene Gelegenheit zu einer Generalabrechnung mit den Erscheinungsformen von Religion jedweder Couleur.“
Anti-Kreationismus ist insofern nur eine von mehreren Ausprägungen derselben Strategie. Letztlich geht es in der Auseinandersetzung um „die Frage, ob Gott nur aus methodologischen Gründen von der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise ausgeschlossen wird, oder ob er mit der Wirklichkeit generell nichts zu tun hat“, meint Kummer.
Kummer zufolge vermischt Kutschera methodologischen und ontologischen Naturalismus und unterstellt ihm, es absichtsvoll zu tun, weil Kutschera zu einer philosophischen Auseinandersetzung über die Voraussetzungen seiner eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit vermutlich gar nicht in der Lage ist.
Da es sich beim Naturalismus Kutschera’scher Ausprägung um eine Vorentscheidung handelt, die man so treffen kann oder auch nicht, plädiert Kummer dafür, sie wie jede andere einer entsprechenden Kritik zu unterziehen. „Eine solche Metaphysik-Kritik ist auch gegenüber dem Materialismus bzw. Naturalismus in seiner ontologischen Ausprägung angeraten und möglich.“ – Der „Absicht freilich, unter der Fahne des berechtigten Stolzes über die tatsächliche Erklärungskraft der Evolutionstheorie eine bestimmte Weltanschauung zu transportieren … muss dann aber in derselben Weise mit Ideologiekritik begegnet werden wie dem Kreationismus.“
29. Februar 2008 at 11:04
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