Das Grinsen wollte nicht vergehen, als Michael Schmidt-Salomon letzten Montag an der Podiumsdiskussion über Giordano Bruno an der Berliner Humboldt-Universität teilnahm. Vielleicht war das, was er da zum Besten gab, auch nicht so ernst gemeint. Denn der knallharte, zur gedanklichen Klarheit verpflichtete Aufklärer schwurbelte reichlich unklar daher. Sprach davon, dass man die Transzendenz nicht den Kirchen überlassen dürfe und von „rationaler Mystik“. Was das denn sei, wollte der Diskussionsleiter wissen. Da geriet der Chefaufklärer etwas ins Schwimmen und verfiel auf eine Erklärung, die aber auch nicht so recht überzeugen wollte: „Das Geheimnis ist nicht in Worte zu fassen.“ Dabei wird es vermutlich bleiben, denn die folgende Rede von der „Poesie der Wissenschaften“, von „Flow-Erlebnissen“ und einem „mystischen Überschuss der Evolutionsbiologie“ war leider nicht geeignet, die Zuhörer am Geheimnis teilhaft werden zu lassen. Aber wenigstens hatten sie am Ende auch etwas zu grinsen.
6. März 2008
Michael im Wunderland
Posted by BK under Kommentar | Schlagworte: Giordano Bruno, Humboldt Universität Berlin, Michael Schmidt-Salomon |1 Comment
6. März 2008 at 21:30
Zum Begriff „rationale Mystik“
Mystik als Sammelbegriff von höchst subjektiven Erlebensakten spirituell-transzendenter Dimension macht zugehörige Erfahrungen zu einem sprachlich nicht mitteilbaren Vorgang, der Qualitäten besitzt, die der „Mystiker“ in der Tat „nicht in Worte fassen“ kann – deshalb wimmelt es in mystischen Texten von Allegorien, Metaphern und lebensnahen Bildern, die für Einblicke Außenstehender in die eigene Gefühlswelt sorgen sollen, aber doch meist nur zu Missverständnissen führen, gerade weil sie in ihrer Materialität nicht dem inneren Erleben gerecht werden. Soweit also richtig.
Was Mystik dann aber mit Rationalität, die ja gerade auf intersubjektive Mitteilungsfähigkeit angewiesen ist, zu tun haben soll, ist völlig unklar und insoweit wirklich erläuterungsbedürftig. Zwar erwähnen Mystiker die Erkenntnis Gottes als Sinn und Zweck mystischer Praxis, die Erfahrungskenntnis von Gott (cognitio Dei experimentalis, Bonaventura) ist aber weder eine rationale noch eine emotionale – sie liegt eigentümlich dazwischen.
Meister Eckhart, den ich (trotz Flaschs „Entmystifizierungsprogramm“) immer noch für einen Mystiker halte, spricht ja gerade vom „Lassen“ als wichtigstem Akt des mystischen Lebens überhaupt. Das Motiv der Negativität des Intellekts, dessen totale „Entblößung“ (denudatum), liegt den Predigten zugrunde, in denen immer wieder das Motiv des Bloß-Seins, Arm-Seins und Leer-Seins der Seele auftaucht. Sehr deutlich etwa in der „Armutspredigt“ zu Mt 5, 3: Beati pauperes spiritu, quia ipsorum est regnum. Eckhart versucht darin, die wahre Armut zu bestimmen: Nichts wollen, nichts wissen, nichts haben. Also: Nichts wissen!
Die Seele, in der die Erkenntnis Gottes stattfinden soll, muss dabei „leer werden“ von Gott und gleichsam für Gott. Der Mensch, so Eckhart, muss „um Gottes Willen“ von Gott selbst lassen.
Eine mögliche Erklärung für die Verknüpfung von Ratio und Mystik wäre also: Es soll das Paradoxon der (Eckhartschen) Mystik von „Lassen“ und „Erlangen“, von „Nichts“ und „Gott“, vom scheinbar selbstwidersprüchlichen „um Gottes Willen von Gott selbst lassen“ neuartig zur Anwendung gebracht werden. Dabei wird dann aber übersehen, dass es Eckhartsches Denken nicht adaptiert, sondern persifliert; zum anderen wird nicht gesehen, dass sich der Widerspruch bei Eckhart ja auflöst, wenn wir die beiden Gottesbegriffe Eckharts in Rechnung stellen, denn dann hieße es: „um Gottes Willen von unserem Gott der Akzidentialität lassen (etwa vom „Beschützer“, „Bestrafer“, „Lückenbüßer“, „Wunscherfüller“ etc.), um zur Substanz der (eigentlichen) Gottheit vorzudringen“ – der Widerspruch von Ratio und Mystik löst sich dagegen aber nicht auf, wenn man nicht eine Neudefinition eines der beiden Begriffe anschließt.
Von „rational“ im Zusammenhang mit Mystik zu sprechen, verkennt weiterhin insbesondere den subjektivischen Gehalt sowohl der Theophanien und Emanationsvorstellungen der älteren Kontemplationsmystik, die nur rara hora et parva mora mystische Erfahrung konstituieren (Bernhard von Clairveaux), als auch den subjektivischen Gehalt der währenden Seinsgegenwart Gottes am Grund der (individuierten!) menschlichen Seele (Eckhart). Mystik ist hier von Anfang bis Ende eine Sache zwischen Gott und dem einzelnen Menschen, jenseits des intersubjektiv Vermittelbaren.
Aber, auch das ist wahr, nicht jenseits jeglicher Vernunft bzw. positiv gewendet: mit der Vernunft „im Rücken“. Eine andere Erklärung für die Verknüpfung von Ratio und Mystik wäre nämlich, dass der Seelenbegriff aufgegeben werden soll (das passte dann auch wieder zu vermeintlichen Ergebnissen der neurowissenschaftlichen Forschung bzw. zu übereilten Schlüssen daraus), zugunsten eines rationalen All- oder Weltgeistes (des „Logos“), also quasi über Hegel zurück zur aristotelisch-averroistischen Intellekttheorie. Nur hat Rationalität im Raum des kollektivisch gedachten Geistes, an dem ja alle gleichermaßen teilhaben, nichts mit Mystik zu tun, denn bei dieser geht es ja gerade um den „letzten Schritt“ hinein in die individuierte Seele (noch einmal: nur dort kann mystisches Erleben stattfinden) – und dieser Schritt wiederum entzieht sich nicht nur den Kategorien Intellekt und Rationalität: Wer ihn geht, geht konsequent in die „andere Richtung“, lässt also Intellekt und Rationalität hinter sich!
Gerade weil es, um bei Eckhart zu bleiben, ohne diesen Schritt keine mystische Erfahrung geben kann, weist der beschriebene Zusammenhang von Geist (Ort der Ratio) und Seele (Ort der mystischen Erfahrung), bei aller Vorsicht gegenüber metaphysischer Ontologie, die Wendung „rationale Mystik“ in jedem Fall als contradictio in adjecto aus; zumindest dann, wenn die Begriffe „rational“ und „Mystik“ so verwendet werden, wie sie eingeführt sind.
Gruß, Josef