14. März 2008
Geisterfahrer mit selektiver Wahrnehmung
Posted by BK under Kommentar | Schlagworte: Antikreationismus, Antisemitismus, Aufklärung, Heinz-Dieter Zütz, Martin Urban, Siegfried Scherer, Spektrum der Wissenschaft, Wissenschaft |Gerne würde man auf die neuerlichen Einlassungen Martin Urbans etwas inhaltlich antworten. Fragt sich bloß, wie? Denn das, was er auf einen Leserbrief an Spektrum der Wissenschaft (März-Ausgabe) von sich gibt, ist so unklar und teilweise falsch, dass ein solches Vorhaben bereits im Ansatz zum Scheitern verurteilt ist.
Urban hatte in der Januar-Ausgabe derselben Zeitschrift ein recht einfältiges Traktätchen über Kirche, Glauben und Religion im Allgemeinen und Besonderen verfasst, auf das Leser Heinz-Dieter Zütz aus Bielefeld durchaus angemessen reagierte: nämlich mit ein paar dumpfen, ebenfalls teilweise sachlich falschen Anmerkungen zum Verhältnis von Sexualität und Gewalt, die darüber hinaus nicht frei von antisemitischen Untertönen sind.
Was die Auseinandersetzung mit Urbans Meinung so schwierig, nahezu unmöglich macht, ist der Umstand, dass er außerstande ist, sich klar und deutlich auszudrücken. Das geht schon im ersten Satz seiner Antwort auf den Leserbrief los, wo er von den „Naiven“ und den „Ewiggestrigen“ spricht – wen um alles in der Welt meint er? Und was hat das im nächsten Satz folgende „Denn“ zu bedeuten? Wieso spricht er plötzlich von den „Kreationisten“? Und so fort.
Bei Urban steht man vor einem grundsätzlichen Problem: Alles klingt irgendwie vertraut und so, als gehöre es zusammen, aber eigentlich passt da nichts zusammen. So ergeht er sich in nicht nachvollziehbaren und nicht belegten Behauptungen über die angebliche Tätigkeit von „Fach-Theologen“. Und er spricht davon, dass „unaufgeklärte Christen zu einer Gefahr für die Demokratie werden“ könnten, wovor letztes Jahr der Europarat gewarnt habe. (Vermutlich bezieht sich Urban auf die berüchtigte Entschließung der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, die die unbelegte These von der „Gefahr für die Demokratie“ durch den Kreationismus wiederholte und mit einem pseudo-objektiven Mäntelchen versah. Richtiger wurde sie dadurch allerdings nicht.) Zwischendurch diffamiert er Siegfried Scherer (den er nicht beim Namen nennt) als „Fundamentalisten“ und wiederholt das alte Märchen von der Körperfeindlichkeit des Christentums. Er kommt auf den Zölibat und die Schulpflicht zu sprechen, das Judentum und die USA. Und, und, und …
Bei diesem Kuddelmuddel aus Halbwahrheiten und Unterstellungen hat es jede Kritik natürlich schwer. Sie findet in den merkwürdigen Satzkonstruktionen und kruden Assoziationen keinen Ansatzpunkt. Man kann davon ausgehen, dass Urban keine aktive Strategie zur Immunisierung gegen Kritik verfolgt – er kann einfach nicht anders. Er hat sich in einem Nebel aus festen Überzeugungen, Unwissen, Assoziationen und Rechthaberei verirrt, so dass er die Welt nur noch höchst selektiv und eigenartig verschoben wahrnimmt. Radio: Achtung, ein Geisterfahrer auf der A5! – Geisterfahrer: Nur einer? Hier sind hunderte!
Um so beklemmender ist die Erkenntnis, dass Urban zu den Meinungsmachern der naturwissenschaftlich interessierten Laien (und Profis?!) gehört. Er war Redakteur der SZ, schreibt für Spektrum der Wissenschaft und publiziert populärwissenschaftliche Bücher. Mit anderen Worten: Sein Wort hat Gewicht, es findet seine Leser. Das ist eine schlechte Nachricht, denn Urbans Einlassungen und die seines Lesers erwecken den Eindruck, als meinten sie es – auf eine entwaffnend gutmenschlich-positive Weise – bitter ernst. Dagegen hilft nicht einmal mehr Ironie.