Eines der besten Bücher zur Evolutionsdebatte ist immer noch das erstmals 1993 erschienene Buch von Phillip Johnson, Darwin in Kreuzverhör. Auf Deutsch ist es zwar nur in einem kleinen christlichen Verlag erschienen. Gleichwohl richtet es sich keineswegs nur an Christen, womöglich Kreationisten, die den biblischen Schöpfungsmythos mit einer wissenschaftlichen Aussage über die Welt verwechseln. Sondern der Jurist Johnson argumentiert streng säkular und nimmt die darwinistischen Argumentationsstrukturen auseinander, ohne sich auf die Bibel zu beziehen. Dadurch gelingt es ihm, ihre Schwächen um so deutlicher aufzuzeigen. Indem er seinen Glauben weitgehend außen vor lässt, ist Johnsons Kritik auch für Agnostiker und alle Menschen guten Willens nachvollziehbar.

Dass Johnson ein engagierter Vertreter des „Intelligent Design“-Ansatzes ist, braucht die Leser, die ihm auf diesem Weg nicht folgen möchten, nicht zu interessieren, denn das Buch ist so ertragreich, dass es von jedem mit Gewinn gelesen werden kann, der dem naturalistischen Paradigma nicht mehr folgen will. Argumente gegen den Anspruch mancher Naturwissenschaftler, die Deutungshoheit über die Frage nach der Entstehung der Welt zu besitzen, liefert Johnson in großer Zahl.

Das Inhaltsverzeichnis macht deutlich, dass Johnson nichts auslässt, dass er jede Schwachstelle des darwinistischen „Schlachtschiffs auf dem Ozean der Realität“ mit den „dicken, panzerbewehrten Wänden philosophischer Annahmen“ (S. 208) kennt: 1. Der juristische Rahmen. 2. Natürliche Selektion. 3. Große und kleine Mutationen. 4. Das Problem der Fossilien. 5. Die Tatsache der Evolution. 6. Die Reihe der Wirbeltiere. 7. Der molekulare Beweis. 8. Präbiotische Evolution. 9. Die Spielregeln der Wissenschaft. 10. Darwinistische Religion. 11. Bildung im darwinistischen Sinne. 12. Wissenschaft und Pseudowissenschaft. Nachwort: Das Buch und seine Kritiker.

Ein freches Unterfangen

Johnson ist kein Kreationist. Er hält lediglich seine theistische Sicht auf die Welt der naturalistischen entgegen, er wehrt sich gegen die anmaßende Annahme von Darwinisten, die Deutungshoheit über die Welt zu besitzen und aus dem Studium der Natur Aussagen über die menschliche Existenz als Ganzer machen zu dürfen. Johnsons Buch ist eine kraftvolle Ermutigung, sich nicht von wissenschaftlichem Pfauengehabe beeindrucken zu lassen, sondern immer wieder Zweifel gegen vermeintlich gesichertes Wissen anzumelden und die Verkünder desselben in ihre Schranken zu weisen. „Sie (diejenigen, die die These vom Blinden Uhrmacher für falsch halten – B.K.) müssen ebenso ein positives Verständnis für eine theistische Sicht der Realität entwickeln – eine Sicht, die der Naturwissenschaft den richtigen Platz zuweist, derzufolge sie ein bedeutsamer, aber nicht der entscheidende Teil des Geisteslebens ist.“ (S. 208)

Johnsons Unterfangen ist im Grunde subversiv, frech und keck. Aufklärerisch ist es allemal, denn der Umschlag rationaler Naturbeherrschung in magisches Denken ist bei vielen Vertretern der Evolutionslehre nicht zu übersehen. Aufklärung über die Aufklärung ist deshalb angezeigt, eine wichtige Aufgabe, dessen politische Dimension Johnson sehr klar erkannt hat. Der Streit um die Evolutionstheorie ist ja weniger ein Streit um naturwissenschaftliche Erkenntnisse, sondern in erster Linie ein weltanschaulicher, der letztlich um die Frage kreist, ob Gott existiert. Theisten bietet Johnson ein gutes Rüstzeug für diese Auseinandersetzung. Es geht um viel: „Wer die Macht hat, ‚faktische Wirklichkeit’ zu definieren, ist imstande, das Denken zu beherrschen und somit Religion in einen Käfig naturalistischer Erklärungen zu zwängen.“ (S. 197)

Wer „Darwin im Kreuzverhör“ gelesen hat, wird für die subtilen darwinistischen Einflüsterungen nicht mehr so empfänglich sein wie vorher. Wird merken, wie korrumpiert das eigene Denken geworden war. Denn Hand aufs Herz: Wer konnte sich der – durchaus faszinierenden – Idee vom gemeinsamen Ursprung aller Arten entziehen? Bei wem löste die Nennung des Namens Darwin nicht die immergleiche Assoziationskette aus, die bei der „Erkenntnis“ endete, dass wir irgendwie ja doch alle Affen sind? Und wer hatte den Mut, seine Zweifel gegen die geballte Meinungsmacht der Medien zu äußern, die die offizielle Lehre getreulich popularisieren? Mit der Lektüre von Darwin im Kreuzverhör gehört das alles der Vergangenheit an: Sie ist nicht nur erhellend, sondern geradezu befreiend.

Worum es geht

Niemand hat bisher besser ausdrücken können, worum es geht, als Johnsons selbst: „Ob diese Behauptung die beste verfügbare naturalistische Spekulation ist, interessiert mich weniger. Ich will vielmehr wissen, ob sie wahr ist. Zweifellos sind Evolutionsbiologen treue Anhänger der Theorie, die ihr Fachgebiet bestimmt, wobei außer Frage steht, dass wissenschaftliche Naturalisten das Konzept naturalistischer Erklärungen als überwältigend erfolgreich ansehen. Wer ihre a priori-Entscheidung für den Naturalismus nicht teilt, kann trotzdem in der Annahme recht gehen, dass die allgemein anerkannte Theorie nicht nur unvollständig, sondern auch mit dem Beweismaterial weithin unvereinbar ist.

Diese Fragen kann man nicht allein der Entscheidung eines Kreises von Experten überlassen, weil wichtige religiöse, philosophische und kulturell bedingte Fragen auf dem Spiel stehen. Die naturalistische Evolution beinhaltet nicht nur eine wissenschaftliche Theorie, sondern vielmehr die offizielle Weltentstehungslehre unserer modernen Kultur. Die wissenschaftliche Priesterschaft, die berechtigt ist, die offizielle Weltentstehungstheorie zu interpretieren, gewinnt dadurch ungeheuren kulturellen Einfluss, den sie verlieren könnte, wenn diese Theorie in Frage gestellt wird. Die Experten haben daher ein ureigenes Interesse daran, die Theorie zu schützen und Argumentationsregeln durchzusetzen, die sie unangreifbar machen. Wenn Kritiker fragen: ‚Ist Ihre Theorie wirklich wahr?’, sollten wir uns nicht damit zufrieden geben, dass die Antwort lautet: ‚Die Theorie ist gute Wissenschaft, so wie wir Wissenschaft definieren.’“ (S. 194)

Phillip E. Johnson: Darwin im Kreuzverhör, Christliche Literatur-Verbreitung, Bielefeld 2003. ISBN 3-89397-952-2. 285 Seiten. Preis: 8,90 Euro zuzügl. Versandkosten.