Entsetzt blickt die Weltöffentlichkeit nach Tibet. Während sich Peking für die Olympischen Spiele rüstet, geht die kommunistische Diktatur mit Gewalt gegen protestierende Mönche und eine rebellische Jugend vor. Und was machen die Brights im Angesicht der dramatischen Ereignisse? Sie publizieren in ihrem Blog einen Artikel aus der Zeitung Junge Welt, die vor 1989 Zeitung der FDJ war.
Na und? könnte man fragen, doch dieser Artikel hat es in sich. In ihm wird gegen die Tibeter im allgemeinen und den Dalai Lama im besonderen gehetzt, was das Zeug hält. Tenor des Artikels: Es handelt sich um Terroristen, die die gerechte Ordnung umstürzen und eine theokratische Diktatur errichten wollen. Was man in Blogs, im Fernsehen und in Zeitungen Gegenteiliges lesen kann, ist tibetische Propaganda, mit der China geschadet werden soll.
Entsprechend ist die Wortwahl, der sich der Autor, Colin Goldner, befleißigt: „Mit Schlagstöcken bewaffnete Mönchstrupps“ zogen, schreibt er, „marodierend“ durch die Straßen, wurden aber zum Glück von den friedliebenden Ordnungskräften gestoppt: „Die Polizei ging konsequent gegen den Rotkuttenmob vor und nahm zahlreiche Verhaftungen vor.“ Aber es kam bald noch schlimmer: „Außer Rand und Band geratene Mönchshorden brachen blutige Straßenkämpfe vom Zaun, an denen sich zunehmend auch entsprechend aufgepeitschte Jugendliche beteiligten.“ Leider merkte davon die Weltpresse nichts, denn: „Der Dalai Lama und seine Verlautbarungsorgane setzten ihre Lügenpropaganda systematisch fort.“ Etc. pp.
Derartige Ergüsse sind bei der jW eigentlich nichts neues. Man ist gegen Kapitalismus, zeigt immer viel Verständnis für „Befreiungsorganisationen“ und fühlt sich ganz allgemein einer Ideologie verpflichtet (es handelt sich vermutlich um orthodoxen Marxismus), die jeden eigenen Gedanken, jede Kreativität bereits im Keim erstickt. Im Verfassungsschutzbericht 2006 ist über die Zeitung zu lesen: „Wiederholt ist festzustellen, dass in Beiträgen der jW Gewalt als Mittel im Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus anerkannt wird … Kritik an oder Distanzierung von deren Gewalttaten erfolgt nicht. “
Der Artikel in der jW ist nicht empörend, denn von der jW kann man nichts anderes erwarten als Desinformation und Propaganda. Bemerkenswerter ist, dass die Brights ihn in ihrem Blog veröffentlichen. Das heißt zwar nicht unbedingt, dass sie sich seinen Tenor zu eigen machen. Schließlich kann man auch solche Meinungen zur Diskussion stellen, die man nicht selber vertritt. Und wie die lebhafte Diskussion zeigt, ist die Veröffentlichung auch unter der Leserschaft umstritten.
Und dennoch bleibt ein ungutes Gefühl. Sowohl die jW als auch die Brights sind bekannt für ihren rüden Ton gegenüber Theisten und andere erklärte und nichterklärte Gesinnungsfeinde. Ob es um den Dalai Lama geht oder um Ajatollah Chomeini – sie scheren alle über einen Kamm, ohne sich um die Unterschiede zu kümmern. Dass beispielsweise der Dalai Lama seit Jahren Gewaltlosigkeit predigt und sich um einen Ausgleich zwischen chinesischen und tibetischen Interessen bemüht, ist in ihren Augen irrelevant. Bei so viel Einäugigkeit wird man den Verdacht nicht los, dass viele Naturalisten in ihrem Kampf gegen Religion jeden menschenrechtlichen Maßstab verloren haben.
3. April 2008 at 22:19
Naja, man könnte fairerweise auch erwähnen, daß das Brightsblog auch häufig Beiträge von diversen “Gesinnungsfeinden” bringt. Inwiefern da nun ausgerechnet durch diesen Artikel ein “ungutes Gefühl” bleibt, finde ich schwer nachzuvollziehen, denn die aus christlicher Perspektive geschriebenen Artikel, die sich bisweilen auf dem Blog finden, sind manchmal ebenso starker Tobak.
3. April 2008 at 22:30
1) “Die Brights” machen gar nichts. Einige Brights machen
2) Wer vergleicht denn hier Dawkins mit Hitler und Stalin? Die Theisten sind für ihren rüden Ton gegenüber Brights bekannt.
3) Nehmen sie die Diskussion in dem Blog zur Kenntnis. Im Gegensatz zu gewissen Ja-Sagern und Nachbetern gestehen wir uns das Recht auf individuelle Ansichten zu.
4. April 2008 at 10:39
Gewalttätige buddhistische Mönche wären in der Tat ein sehr untypisches Phänomen.
Was die Lage in Myanmar und Tibet angeht, vertraue ich mehr auf Augenzeugenberichte aus dem Bekanntenkreis als auf Pressemeldungen. Der Myanmar-Abend in der KSG (Du warst ja auch dabei) hat mir deutlich gemacht, auf welcher Seite die Gewalt anzusiedeln ist. Nun erreichte mich vor einigen Tagen die Mail eines koreanischen Zen-Buddhisten, dessen Zeugnis ich als glaubwürdig einschätze.
Er schreibt u.a.:
„I just returned to Seoul two days ago from Tibet. I was leading a group of about 55 of my Korean students on a pilgrimage to several temples, both in Lhasa and Sigatse. It was an extraordinary experience, in so many ways. […] During our time there, we were visiting the famous Sera Monastery on March 11 when the monks suddenly began their uprising against Chinese rule. We were the only large foreign group touring in Lhasa at the time, and we were the only foreigners visiting Sera Monastery at the very moment that the monks erupted.“
Wie genau die Mönche ihr „uprising“ (Aufstehen) gestalteten und wie sehr sie „erupted“ (aufgebraust) sind, schreibt er nicht, zu vermuten ist aber, dass es um die Organisation eines friedlichen Demonstrationszugs ging. Dass sich die Mönche grundsätzlich friedlich verhielten, kommt unten noch deutlicher heraus. Was er dann beschreibt, das sind die Gewalttaten der chinesischen Beamten:
„We saw the policemen kicking and beating the monks, several feet in front of us, as the monks ran out of the temple to make a public demonstration. It was total chaos! We were temporarily detained by police, and told not to take any photographs. […] The temple was immediately covered with regular police, riot police, and army units carrying large automatic weapons. Several of the bosalnims (weibliche Tempelbedienstete in der Tradition des koreanischen Zen-Buddhismus, J.B.) started crying when they saw the monks being beaten right in front of us like dogs. But the interesting thing is, the monks did not fight
back – they did not punch or retaliate against the police in any way.“
Hier wird ganz deutlich auf die Friedfertigkeit der Mönche und die unverhältnismäßige Gewalt der chinesischen Behörden hingewiesen. Ich kann die Angaben nicht bestätigen, denn ich war selbst nicht dabei, halte aber die Schilderung, auch vor dem Hintergrund dessen, was er sonst schrieb, für sehr vertrauenswürdig.
Gruß, Josef
6. April 2008 at 17:34
[...] Verantwortlichen zeigten sich natürlich Uneinsichtig. Dankbar wurde dieser Steilpass von der religiösen Partei aufgenommen. Das veranlasste “derautor” zu dem Kommentar: “Vor allem nachdem ich eine lange [...]
7. April 2008 at 12:28
Lieber Benno!
Jetzt habe ich mir doch noch mal den Artikel in der „jw“ angesehen. Er ist inhaltlich, stilistisch und formal eigentlich indiskutabel. Ich habe selten in einem bundesdeutschen Presseorgan einen Artikel gelesen, der derart einseitig eine Situation im Ausland beschreibt und dabei die Tatsache offenkundig verdreht und dazu die Dreistigkeit besitzt, mit unfassbaren Unterstellungen zu arbeiten. Und die Bezeichnungen „Rotkuttenmob“ und „Mönchshorden“ zeugen auch nicht unbedingt von seriösem Journalismus – ganz abgesehen davon, dass der Verf. die Person des Dalai Lama in ziemlich dämlicher Weise zu verunglimpfen versucht.
In der Kürze der Zeit nur einige besonders auffällige Passagen:
Da wird ein Treffen des Dalai Lama mit Südtirolern zum Terror-Nachhilfeunterricht und der Vorbildcharakter Südtirols hinsichtlich des Autonomiestatus nicht zum Ausdruck einer Sehnsucht nach Freiheit, sondern nach „Bombenterror“. Es gab mal belgische Politiker, die gesagt haben, dass Deutschland für sie Vorbildcharakter habe. Bekanntlich hat Deutschland in den 1940er Jahren einen Weltkrieg angezettelt. Was heißt das jetzt – für Belgien?
Da wird allen tibetischen Institutionen und Organisationen mal eben dass Attribut „militant“ vorangestellt, weil einige von ihnen zu „direkten“ Aktionen aufgerufen haben. Offenbar reicht die Phantasie des Verf. bei der Ausdeutung des Begriffs „direkt“ nicht weiter als bis „militant“, was wohl eher etwas über den Verf. als über die tibetischen Gruppen aussagt.
Da wird das jüngst gegründete „Tibetan People’s Uprising Movement“ (TPUM), deren Forderungen sich ziemlich genau mit dem decken, was die Weltgemeinschaft (außer China) seit einem halben Jahrhundert in der Tibet-Frage fordert, mit einer vermeintlich militanten Untergrundgruppe aus den 1980ern in einem Atemzug genannt, ob deren „Sabotage-Drohungen“ chinesische „Siedler“[sic!] Panik kommen hätten. – Und? Sind chinesische Häuser angezündeten worden? War die Panik berechtigt? Und in welchem Zusammenhang steht eigentlich jene „exiltibetische Untergrundorganisation“ zum TPUM? So wie die RAF zur Partei „Die Linke“? Also: In gar keinem?
Weiter im Text: „Im Internet kursierten unmittelbar nach Bekanntwerden der TPUM-Erklärung erste Gerüchte über geplante Sabotageakte, Terroranschläge und Attentate.“ Wo – „im Internet“? Und: Im Internet kursieren pünktlich zum Führer-Geburtstag am 20. April Gerüchte darüber, Hitler lebe in einem Seniorenheim in Argentinien. Heißt das jetzt: „Der Führer lebt!“?
Doch allein die Tatsache, die Gewalttätigkeiten der Tibeter mit zwei Panorama-Aufnahmen belegen zu wollen, auf denen irgendetwas zu sehen, aber nichts eindeutig zu erkennen ist (die Bildunterschrift hilft da aber freundlicherweise dem unbedarften Leser weiter, indem sie die Szenen sehr exakt als Gewalttätigkeiten der Tibeter bezeichnet), während zeitgleich der Rest der Welt, der sich freilich irren muss(!), gestützt auf zahlreiche (Privat-)Videos, die sehr eindrücklich die Gewaltexzesse der chinesischen Beamten zeigen, entsetzt ist über das Vorgehen Chinas, allein diese verantwortungslose, unreflektierte und einseitige Verwendung von Bildmaterial spricht Bände hinsichtlich der offenbaren Parteinahme des Verf.!
Auch die Geschichte wird einseitig zu Lasten des tibetischen Volkes bzw. deren religiöser Oberhäupter ausgelegt. Wie kann jemand, der laut Wikipedia in Nepal Entwicklungshelfer war, so etwas schreiben? Ich selbst war 2001 in Nepal und habe dort ein SOS-Kinderdorf in der Nähe von Katmandu besucht, in dem ausschließlich tibetische Waisen lebten. Wo kommen die alle her? Wieso leben ihre Eltern nicht mehr? Ein Virus? Auch sonst trifft man auf zahlreiche Exil-Tibeter. Warum sind die alle in Nepal? Weil jenseits der Grenze ein friedliches Arbeiterparadies liegt?
Andererseits, so stelle ich mir vor, hat sich der Verf., als „Mitglied des Wissenschaftsbeirates im Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten sowie Beiratsmitglied der religionskritischen Giordano Bruno Stiftung“ (Wikipedia), vor dem Schreiben des Artikels die Frage gestellt: „Muss ich eigentlich die ganze Wahrheit schreiben, wenn Halbwahrheiten ,der Sache’ viel mehr dienen?“ Bei einigen Menschen nimmt die Religionskritik offenbar Züge von unreflektiertem Religionshass an, der selber freilich nicht mehr zum Gegenstand irgendeiner Kritik, womöglich gar Selbstkritik, zu werden braucht. Der Verf. zählt offenbar dazu, anders lässt sich sein Artikel in der „jw“ nicht erklären. Wenn jeder Bettelmönch qua definitionem ein grausamer Terrorist sein soll, muss eben entsprechend die Sachlage so lange verzerrt werden, bis es passt. Da bei Buddhisten der Verweis auf die heilige Trias „Kreuzzüge, Hexenverbrennung, Inquisition“ nicht verfängt, muss eben was anderes gesucht werden, um kampfzielgerecht zu diskreditieren. Und – als hätten wir es nicht schon immer geahnt – auch unser beliebter Dalai Lama ist ein skrupelloser Diktator, der die friedliebende chinesische Volksdemokratie, die jetzt in seiner Heimat herrscht, durch ein theokratisches Terrorregime ablösen will. Ich glaube Hegel war es, der mal in einem für ihn zumindest nicht untypischen Größenwahn meinte, dass, sollte seine Theorie nicht zur Wirklichkeit passen, man sie ändern müsse – die Wirklichkeit.
Randbemerkung: Offenbar ist der Verf. auch „Sektengegner“ (Wikipedia). Die GBS, deren „Beiratsmitglied“ (Wikipedia) er ist, sei, so Lorenz Jäger in der FAZ vom 04.02.2008, ihrerseits eine „Sekte“. Passt da was nicht zusammen oder können wir auf eine Meta-Aufklärung der Aufklärer aus dem Inneren der Aufklärungszentrale hoffen, auf eine Kritik der Kritiker? Zu wünschen wäre es.
Noch etwas zum Schluss: Jenseits der sehr eigenwilligen Deutung des Verf., die Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern macht, sowohl im Hinblick auf die aktuelle Situation als auch auf die Geschichte, wirft der Verf. – wie auch die Hamburger Abgeordnete Schneider – eine wichtige Frage auf: Darf es (überhaupt) nicht-demokratische Systeme geben?
Dahinter steckt nämlich das hochinteressante und hochbrisante Problem, wie zwischen Kulturpluralismus (den es m.M.n. geben sollte) und Wertrelativismus (den es m.M.n. nicht geben darf) unterschieden werden kann, also wie die Frage zu beantworten ist, welche kulturellen Eigenheiten „der Westen“ tolerieren sollte und welche nicht. Darin liegt natürlich auch die Frage eingebettet, was das denn ist, eine „gute Gesellschaft“? Wir wissen, dass es viele Gesellschaften und Kulturen gibt, die unsere sehr erfolgreichen Sozialkonstitute (individuelle Freiheit, Privateigentum, diskursive Entscheidungsfindung) ablehnen und andere Formen des Zusammenlebens üben. Und dabei glücklich sind. Es ist „von außen“ sehr schwer zwischen freiwilliger Deliberation aus Religions- und Kulturgründen und einer Diktatur zu unterscheiden. Wer Religionen gegenüber ein so tiefes Misstrauen hegt, dass die Vorstellung, Menschen wünschen sich, in einer feudalistischen Theokratie zu leben, von vorne herein als abwegig angesehen werden muss, der wird freilich nicht unterscheiden zwischen einem „geistlichen Oberhaupt“ und einem „weltlichen Despoten“, eben weil jeder nicht demokratisch legitimierte Machthaber ein Despot sein muss, auch wenn die Menschen ihn lieben und achten und gerne und freiwillig und glücklich unter ihm leben.
Auch ich bin der Meinung, die Verwirklichung der Menschenrechte steht im Zweifel über der Souveränität eines Staates. Das habe ich oft genug betont. Aber Respekt vor anderen Lebensformen beinhaltet auch, das eigene Modell glücklichen Lebens nicht allen Kulturen gleichermaßen aufsetzen zu wollen, denn so würde die Demokratie selbst zum Zwangssystem.
Gruß, Josef
2. Mai 2008 at 16:24
Sind die Brights Humanisten? Wohl nicht alle. Hier ein Zitat:
(1) http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=3706&page=6
Da postet einer unter dem Motto “ceterum censeo ecclesiam…”
Offenbar hat hier der Spiegel bereits entschärft; denn an dem Tag, an dem dies gepostet wurde, hieß es noch “ceterum censeo ecclesiam esse delendam”.
(2) Aufschlussreich auch die Fäkalsprache auf http://freigeisterhaus.de/viewtopic.php?t=17892&postdays=0&postorder=asc&&start=150 :
There is a hole in the world like a great black pit, and its filled with people who are filled with shit, and the scum of the world inhabited.
15. Mai 2008 at 3:49
Wenn man liest, was Brights in Brights-Foren, aber auch als Kommentare zu gewissen Zeitungsartikeln schreiben,so kann man nur sagen: Der Humanismus und die Menschenrechte sind viel zu wichtig, als dass man sie den Brights überlassen könnte.
15. Mai 2008 at 7:27
Welche “gewissen Zeitungsartikel” meinen Sie?
22. Mai 2008 at 19:56
Ja, Sie haben recht, das ist zu allgemein formuliert. Daher ein aktuelles Beispiel:
http://wien.orf.at/stories/279747/
Zwar bin ich nicht der Meinung des Kardinals von Wien. Was aber an Unterstellungen, Verleumdubgen und Verhöhnungen — der Sprache nach offenbar von Neuen Atheisten verfasst — zu lesen ist, nun ja — ob das tatsächlich von humanistischem Geist getragen ist?