Jüngst hat die EKD eine Stellungnahme zum Streit zwischen Darwinisten und Kreationisten (PDF) veröffentlicht, in der sie beiden Parteien ihre Fehler vorhält. Von wenigen Details abgesehen handelt es sich um ein wichtiges Papier, in dem sehr differenziert und konstruktiv argumentiert wird.
An die Adresse der Kreationisten gerichtet schreiben die Autoren: „Gerade aus theologischen Gründen ist der Kreationismus abzulehnen. Er setzt sich über die bibelwissenschaftlichen und systematisch-theologischen Einsichten in die Entstehung, Ausformung und Bedeutung des biblischen Schöpfungszeugnisses hinweg und missachtet die geschichtlichen Kontexte seiner Entstehung. Damit bringt er sich um die Möglichkeit einer angemessenen Erschließung des biblischen Schöpfungszeugnisses. Und er ignoriert die Unterscheidung der Erkenntnisebenen. Der entscheidende Denkfehler besteht darin, mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden das Eingreifen Gottes in die Evolution von Kosmos und Biosphäre beweisbar und insofern darstellbar machen zu wollen. Auf diese Weise gerät Gott in die zweifelhafte Rolle eines Lückenbüßers.“
Und an die Adresse der Darwinisten: „Diesem Missverständnis und Missbrauch des christlichen Schöpfungsglaubens entspricht spiegelbildlich der Irrweg, der aus den Einsichten der modernen Naturwissenschaften zwingend eine Leugnung Gottes und die Verpflichtung auf einen kämpferischen Atheismus meint ableiten zu können. (…) Auch hier wird die Auseinandersetzung mit dem Gottesbegriff ganz und gar auf dem Missverständnis eines ‚Lückenbüßergottes’ aufgebaut. Dafür sind Kreationismus und ‚intelligent design’ willkommene Gegner, die zu den maßgeblichen Repräsentanten des Christentums, ja der Religion überhaupt, überhöht werden. Die Entwicklungen der wissenschaftlichen Theologie, die Leistungen der historisch-kritischen Exegese biblischer Texte und die ethische Kraft des Christentums hingegen werden in keiner Weise zur Kenntnis genommen.“
Für Martin Urban ist das alles nicht genug. Er kann nicht verstehen, dass sich die EKD dem Anspruch der Darwinisten nicht einfach beugen will. Warum nur, fragt er sich in der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende, akzeptiert die EKD nicht endlich, dass ihr Weltbild auf falschen Annahmen beruht? Und dann erdreistet sie sich sogar, „einen Unterschied zur naturwissenschaftlichen Perspektive herauszuarbeiten“! Der – Achtung, jetzt kommt’s!! – „den modernen Naturwissenschaften nicht gerecht wird“!!! Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach zu verstehen, wer im Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft Koch ist und wer Kellner: „Tatsächlich verstehen die Naturwissenschaften neuerdings, wie Glaube entsteht. Sie geben sogar – vorläufige – Antworten, wo die Theologen seit 2000 Jahren (sic! – BK) nur Fragen stellen oder bloß ‚Geheimnis’ und ‚Mysterium’ als Erklärung anbieten.“
In Urbans Augen schließen Religion und Naturwissenschaft einander kategorisch aus – oder etwa doch nicht? Urban deutet an, dass noch nicht alle Brücken eingerissen sein könnten, dass es noch die Möglichkeit zur Verständigung gibt. Doch dazu dürfen die Protestanten „nicht unreflektiert“ über Gott sprechen, die theologischen Klassiker nicht „unbedacht zitieren“, „nicht mehr so schlicht (vom Handeln Gottes) reden“, die Botschaft der Genesis nicht mehr „fromm übernehmen“. Doch was meint Urban eigentlich, wenn er reflektierte und komplexe Rede einfordert, bedachtes Zitieren und unfromme Übernahme eines Gedankens? Wenn Religion – so Urbans gebetsmühlenhaft wiederholter Vorwurf – sowieso Humbug ist, weil sie sich wissenschaftlichen Erkenntnissen widersetzt, ergeben seine Einschränkungen keinen Sinn.
Letztlich laufen seine Forderungen auf die Aufgabe der Kernaussagen der christlichen Religion hinaus: dass Gott der Schöpfer der Welt und dass Jesus Christus sein Sohn ist, der die Menschen erlöst hat. Selbstverständlich kann man das fordern. Aber die Forderung ist unsinnig, weil sie am Gegenstand der Kritik vollkommen vorbeigeht. Ohne die zentralen Glaubenssätze, die Urban so unerträglich findet, handelte es sich nicht mehr um Christentum, sondern um irgendwas anderes. Wenn Urban vorschlägt, dass die Christen Gott einen guten Mann sein lassen sollten, der irgendwo da oben auf einen Wolke sitzt und seinen Rauschebart streichelt, aber nichts mit der Erde und den Menschen zu tun hat, fordert er nichts weniger als die Abschaffung des Christentums und seine Unterwerfung unter die Priesterschaft der Naturwissenschaftler. Man darf vermuten, dass das so aussichtslos ist wie das Anheulen des Mondes durch den Hund.
Urban neuester Erguss zeigt, wie sehr das naturalistische Denkschema seine Jünger verblendet. Er ist gar nicht mehr in der Lage, eine nicht-naturalistische Weltsicht für möglich zu halten. Wer kein Naturalist ist, der muss – in Urbans Kosmos – entweder ein Spinner oder ein ganz böswilliger Gegenaufklärer sein. Auf den Gedanken, dass nicht er Recht haben könnte, sondern die Millionen von Christen und andere Theisten, kommt er gar nicht mehr. Das ist kein Schade, denn so ärgerlich ist es ist, dass ihm die SZ immer noch ein Podium bietet, so beruhigend ist die Gewissheit, dass es schon viele Urbans gegeben hat, die sich vergeblich an den Kirchen abgearbeitet haben.
29. Juni 2009 at 12:38
[...] Freikirchen, Freitag, Kirchgänger, Martin Urban, Wissenschaft | Leave a Comment Der einschlägig bekannte Martin Urban schreibt in der Wochenzeitung Freitag: „Von den 25 Millionen evangelischen Christen hierzulande [...]