Von welchem Format sind eigentlich die sogenannten neuen Atheisten, also Richard Dawkins, ihre Lichtgestalt, und seine Adepten? Eine geradezu vernichtende Antwort hat vor kurzem Manfred Lütz in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur gegeben. Lütz ist Psychotherapeut und findet Zeit und Muße, sehr geistreiche Bücher zu lebenspraktischen und Glaubensfragen zu schreiben und als Laie aktiv in und für die katholische Kirche tätig zu sein.

Für Dawkins findet Lütz keine schmeichelhaften Worte. Er halte ihn für einen „Ideologen“ und Fundamentalisten“, der sich – was für diese Leute typisch sei – weigere, mit Andersdenkenden zu diskutieren. Auf der Basis sorgfältiger Lektüre von dessen aktuellen Buch könne er, Lütz, allerdings auch sagen, dass es ohnehin nicht satisfaktionsfähig sei. Dawkins halte jeden Gläubigen entweder für „lächerlich, böswillig oder geistesgestört“. Er vertrete einen Ansatz, der wissenschaftstheoretisch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts geblieben und damit „nicht diskursfähig” sei.

Ähnlich platt und uninformiert gehe es an der atheistischen Basis zu, zum Beispiel wenn in Comedysendungen im Fernsehen das Christentum veralbert werde. In den fünfziger Jahren hätte derartige Kirchenkritik eine gewisse Berechtigung gehabt, weil der Einfluss der Kirche groß gewesen sei. Aber heutzutage habe sich die Kritik von ihrem Gegenstand gelöst. Es werde

„im Christentum das Fremde veralbert. Man weiß gar nicht mehr, was das ist. Man weiß gar nicht mehr, was Kirche ist. Man veralbert es einfach … Das ist natürlich nicht gleich Gotteslästerung, wenn man sich über einen Bischof lustig macht, aber ich finde, das Niveau des Diskurses in einer Gesellschaft hängt auch ein bisschen damit zusammen, wie man die eigenen Wurzeln kennt.“

Lütz beklagt, dass der Mainstream nur noch Zerrbilder des Christentums kenne, aber nicht das Christentum selbst. Das Gerede über Zölibat, Frauenpriestertum und Pille verdecke jedoch, dass „das katholische Christentum vielleicht die sinnlichste Form von Religion überhaupt ist. Das wissen die Leute aber überhaupt nicht. Die halten die Kirche für eine Institution zur Verhinderung sexueller Freude.“ Unter anderem deshalb habe er auch sein Buch „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“ geschrieben.

Wer sich nicht mit den Mythen abfinden wolle, die insbesondere über die katholische Kirche im Umlauf seien, dem legt Lütz die Lektüre von Arnold Angenendts „Toleranz und Gewalt – das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ ans Herz:

„Da sind all die Fragen, die sonst in Talk-Shows diskutiert werden, die ganzen Klischees über Inquisition, Galileo Galilei, Kreuzzüge, also die ganzen Klischees über Christentum mal auf dem heutigen Stand der Wissenschaft reduziert und richtig gestellt, dass die Römische Inquisition so viele Todesurteile hatte, wie Mao Tse-tung in 39 Minuten hat über die Klinge springen lassen, und das in 317 Jahren.“