26. April 2008
Nützliche Idioten am Potsdamer Platz
Posted by BK under Bericht, Kommentar | Schlagworte: Alexander Poelzin, Atheismus, Deutsche Bahn AG, Ernst Salcher, Ferkel-Buch, Giordano Bruno, Giordano-Bruno-Denkmal, Giordano-Bruno-Stiftung, Hartmut Mehdorn, Heinz Klewe, Humanismus-Stiftung, katholische Kirche, Klaus Staeck, Manifest des evolutionären Humanismus, Michael Schmidt-Salomon, Neue Atheisten, Norbert Noetzel, Reinhard Klimmt, UniCredit Group |Zugegeben: Die Skulptur von Alexander Polzin macht sich gut im Zugangsbauwerk des Bahnhofs Potsdamer Platz in Berlin. Sie ist ein echter Blickfang im lichtdurchfluteten Abgang zu den unterirdischen Anlagen, der durch die verwendeten Materialien Stahl, Glas und Beton sehr kühl wirkt. Und dennoch fragt man sich nach wie vor, warum ausgerechnet hier in Berlin ein Denkmal für Giordano Bruno errichtet wurde, und das auch noch in Zusammenarbeit mit der – gelinde gesagt – umstrittenen Giordano-Bruno-Stiftung (GBS)?
Die Bahn gab sich im Vorfeld ahnungslos; in der Pressestelle war die GBS nicht bekannt. Auch hinterher bekundete man lediglich, das Denkmal sei anlässlich einer wissenschaftlichen Tagung über Giordano Bruno aufgestellt worden. Doch diese Begründung war mir nicht genug. Ich hielt es für geradezu skandalös, dass ein öffentliches Unternehmen wie die Bahn – Aktiengesellschaft hin oder – ein Denkmal für Naturalismus und Atheismus aufstellt und sich damit weltanschaulich positioniert. So war zumindest meine Interpretation. Um mich allerdings zu vergewissern, was die Bahn zu der Aktion veranlasst haben konnte, fragte ich lieber noch einmal nach.
- Brief an Mehdorn
Ich schrieb Bahnchef Hartmut Mehdorn einen Brief, in dem ich um Aufklärung über die Motive für das Engagements der Bahn bat. Bezugnehmend auf die offizielle Begründung wollte ich wissen, warum nicht auch anlässlich anderer Kolloquien Denkmäler errichtet werden. Außerdem interessierte mich, ob sich die Bahn nun die von der GBS propagierte Ethik des „evolutionären Humanismus“ zu eigen macht, für die ein ausgewachsenes Schwein prinzipiell ein höheres Lebensrecht hat als ein menschliches Neugeborenes.
Ich schrieb:
„Bereits der Umstand, dass diese Veranstaltung stattgefunden hat, gibt mir zu denken. Die Deutsche Bahn AG ist ansonsten traditionell darauf bedacht, weltanschaulich neutral zu bleiben. Das ist (war?) sicherlich nicht die schlechteste Unternehmensstrategie. Doch die Existenz des Denkmals auf Bahn-Gelände stellt religiöse Menschen nun vor eine gewichtige Frage, die Ihnen nicht gleichgültig sein dürfte. Sollen sie nun, da Sie so offen Partei für den Naturalismus und gegen jede Form von Gottglauben ergriffen haben, den Bahnhof Potsdamer Platz meiden? Sollen sie vielleicht überhaupt nicht mehr mit der Deutschen Bahn AG fahren? Da Sie sich weltanschaulich positioniert haben, werden Sie es den Kunden wohl nicht verübeln, wenn sie dasselbe tun.“
Mein Brief ging zunächst einmal in den Mühlen der Bahn-Bürokratie unter, aber als ich ihn noch einmal gefaxt hatte, kam bald eine Reaktion. Die war allerdings etwas ungewöhnlich: Ein Herr Klewe meldete sich telefonisch und schlug vor, sich einmal persönlich zu treffen. Er wolle mich dann über den Sachverhalt aufklären, was in einem Brief nicht so gut möglich wäre. Als Treffpunkt schlug er den Bahn-Tower am Potsdamer Platz vor, und da mir ein solches Treffen keine Umstände machen würde, willigte ich ein. Neugierig war ich allemal über diese ungewöhnliche Art, einen Brief zu beantworten – eine Pressekonferenz ganz für mich alleine!
- Eine ungewöhnliche Pressekonferenz
Zu meiner Überraschung nahm an dem Gespräch nicht nur Herr Klewe teil, der sich als Leiter der Abteilung „Länderbeziehungen Bereich Politik (MSL)“ entpuppte, sondern auch der Beauftragte des Vorstandes, Bundesverkehrsminister a.D. Reinhard Klimmt. Es stellte sich heraus, dass beide die Koordination zwischen der Bahn und den an der Errichtung des Kunstwerks Beteiligten übernommen hatten.
Was Klewe und Klimmt zu sagen hatten, war nicht viel. Die Bahn habe lediglich den Grund zur Verfügung gestellt und dafür gesorgt, dass die Skulptur nun nicht umfällt. An dieser Stelle sei ohnehin die Errichtung eines Kunstwerks vorgesehen gewesen, so dass der Vorschlag des Künstlers gerade recht gekommen sei. Und da er respektable Fürsprecher wie die Botschafter Italiens und Ungarns und den Präsidenten der Akademie der Künste, Klaus Staeck, gehabt habe, habe man nicht im Traum daran gedacht, es könne inhaltlich etwas dagegen einzuwenden sein. Überhaupt sei es ihnen vor allem um die künstlerische Qualität gegangen. Und die könne jeder Kritik standhalten. Mit der GBS hätten sie keinen Kontakt gehabt, und dass ein Vertreter der Bahn bei der Enthüllungszeremonie ein Grußwort gesprochen, sei als Akt der Höflichkeit durchaus angemessen gewesen.
Klewes und Klimmts Erläuterungen erschienen mir plausibel und nachvollziehbar. Für sie ist die Figur nicht mit einem atheistischen Bekenntnis verbunden, sondern eine gelungene Verschönerung des Bahnhofs Potsdamer Platz. Das Kunstwerk gefällt, und mehr interessiert sie nicht. Bloß: Reicht das aus? Hat nicht jedes Denkmal auch eine Botschaft, die genauso wichtig ist wie die äußere Anmutung?
- Der atheistische Kontext
Es war ausgerechnet der gelernte Historiker Klimmt, der im Verlauf unseres Gesprächs die Frage nach dem Kontext aufbrachte, in dem ein historisches Ereignis stattfindet. Und der Hinweis auf den Kontext ist wichtig, ja, er ist entscheidend. Im vorliegenden Fall ist nämlich zu fragen, wer welchen Zweck mit der Errichtung eines Bruno-Denkmals verfolgte: die beiden Botschafter, der Künstler, Staeck. Honorige Leute allesamt, mit denen Klewe und Klimmt zu tun hatten. Doch das waren offensichtlich nicht alle Beteiligten; im Hintergrund gab es weitere, von deren Existenz man im Bahn-Tower nichts wusste. Und da trifft man eben unter anderen „alte Bekannte“ wieder: die GBS, die Humanismus-Stiftung, Ernst Salcher, dazu Wera und Norbert Noetzel und die UniCredt Group. Den Namen Staeck sucht man dort vergeblich, er gehört nicht zu den Stiftern.
Die Stifter wussten glasklar, worum es inhaltlich geht. Polzins Skulptur „will polarisieren“, erklärte zum Beispiel Salcher in seiner Eröffnungsansprache. Seine Stoßrichtung ist eindeutig:
„Während Philosophie und Wissenschaft das geistige Erbe Giordano Brunos zu würdigen gelernt haben, blieb ihm eine Institution bis heute die Anerkennung schuldig: die katholische Kirche. Sie verfolgte ihn, verurteilte ihn zum Tode auf dem Scheiterhaufen und setzte seine Schriften fast 400 Jahre lang auf den Index. Sie wollte ihn auch dann nicht rehabilitieren, als im Jahr 1889 ein internationales Ehrenkomitee, gegen den heftigen Widerstand der römischen Kurie, die Aufstellung einer Giordano Bruno-Statue erzwang.“
Da haben wir es mal wieder: Die katholische Kirche hat Bruno verbrannt, die katholische Kirche ist dogmatisch, die katholische Kirche ist intolerant etc. pp. Systematisch löst Salcher das historische Ereignis aus dem Kontext heraus und konstruiert sich damit seine eigene Wahrheit. Und dann vollbringt Salcher auch noch das Kunststück, die katholische Kirche auch für heutige Missstände verantwortlich zu machen. Welche Aussage das Bruno-Denkmal haben soll?
„Die Antwort ist einfach: Der Blick auf den Zustand unserer Welt und auf die unsäglich deprimierenden Nachrichten, die uns täglich erreichen, gibt uns die Antwort: wir brauchen heute nötiger denn je Menschen, die das Recht auf Geistesfreiheit verteidigen und den Gebrauch der menschlichen Vernunft als den einzig richtigen Weg ansehen, um eine friedlichere, bessere und gerechtere Welt zu erreichen.“
Salcher – der Stifter und Stiftungsvorstand zugleich ist – sagte weiter:
„Die Giordano Bruno Stiftung, die ich hier vertrete, folgt der Tradition ihres Namensgebers in der klaren Absage an jeglichen Fundamentalismus, gleichgültig ob religiöser oder ideologischer Art, und geht über ihn hinaus, indem sie das Gedankenguts eines modernen ‚evolutionären Humanismus’ verbreitet, der ein von Vernunft geleitetes, friedliches und gleichberechtigtes Mit- und Nebeneinander der Menschen im 21. Jahrhundert anstrebt.“
Auch Salchers Vorstandskollege, GBS-Sprecher Michael Schmidt-Salomon, haute in dieselbe Kerbe und charakterisierte die Skulptur als ein
„‚Mahnmal für die Opfer religiöser Gewalt’ schlechthin. Der Begriff ‚religiöse Gewalt’ bezieht sich dabei nicht allein auf die traditionellen theistischen Glaubenssysteme, sondern auch auf die sog. ‚politischen Religionen’. Schließlich ist es gleich, ob ‚heilige’, ‚unantastbare’ Schriften von vermeintlichen Propheten Gottes oder von politischen Führern diktiert werden.“
Auf telefonische Nachfrage bestätigte im übrigen auch Norbert Noetzel, dass er die Ziele der GBS und die verlautbarte Aussage des Denkmals unterstütze.
- Mitgefangen – mitgehangen
Folgendes ist nun festzuhalten:
Erstens: Formal und von niemandem bestritten ist die Skulptur wohlgeraten. Sie hat einen Standort gefunden, an dem sie hervorragend zur Geltung kommt. Damit hat niemand ein Problem.
Zweitens: Inhaltlich handelt es sich bei der Skulptur um eine Absage an jede Form von Religion, die von den Stiftern als dogmatisch, gewalttätig und freiheitsbeschränkend charakterisiert wird. Diese und keine andere Botschaft transportiert sie. Dass diese Botschaft nicht neu, wenig originell und wird auch dann nicht wahrer, wenn man sie permanent wiederholt oder – das allerdings ist neu – in Skulpturen gießt, sei nur am Rande erwähnt.
Drittens: Die Bahn war vor allem daran interessiert, eine Leerstelle in einem ihrer Bahnhöfe kostengünstig zu füllen. Sie verhandelte mit Partnern, die nicht die Stifter waren. Die Mehrzahl der Stifter und ihre Absichten waren ihr unbekannt. Über inhaltliche Aussagen hat man sich wenige oder gar keine Gedanken gemacht, wollte aber keinesfalls ein atheistisches Statement abgeben.
Ist die Bahn also getäuscht worden? Dieser Verdacht liegt nahe. Aber damit kann sie sich nicht herausreden. Eigentlich hätte sie fragen müssen, wer die Aktion finanziert. Dann hätte sie erfahren, wer die Stifter sind, hätte Erkundigungen über sie einholen können und dann erfahren, wes Geistes Kind sie sind. Dann wäre man beispielsweise auf Schmidt-Salomons skandalöses „Manifest des evolutionären Humanismus“ gestoßen, das er im Auftrag der GBS geschrieben hat. Man hätte weiterhin erfahren, dass die GBS mit einer Ausfallbürgschaft Schmidt-Salomons „Ferkel-Buch“ unterstützt hat. Und schließlich hätte man zur Kenntnis genommen, dass die GBS als religionsfeindliche Organisation einschlägig bekannt ist, woraufhin man sicher auf den Gedanken gekommen wäre, dass die GBS mit dem Bruno-Denkmal ganz gewiss nicht nur eines armen Menschen gedenken wollte, der vor rund 400 Jahren einen qualvollen Tod erlitten hat.
Nein, die Bahn kann sich nicht herausreden. Sie ist zwar einerseits Opfer, weil sie von den atheistischen Aktivisten als „nützlicher Idiot“ (Lenin) missbraucht wurde. Aber sie hat sich auch fahrlässig missbrauchen lassen. Es besteht kein Zweifel: Mit der Unterstützung der Denkmalserrichtung hat sie sich mit der GBS und ihren Zielen gemein gemacht und sich in der aktuellen Debatte weltanschaulich positioniert.
27. April 2008 at 9:48
[...] der total wöchentliche Realsatirepreis geht, wie aber eigentlich jede Woche, wieder mal an den Naturalismuskritiker. Weil man in Berlin kein Denkmal für einen von der Kirche ermordeten wissenschaftlich denkenden [...]
28. April 2008 at 8:17
Guter Artikel, der mich sehr nachdenklich stimmt. Ich denke etwa darüber nach, ob sich auf dem Bahngelände vielleicht noch eine weitere „Leerstelle“ findet, auf der ein Denkmal errichtet werden könnte. Für die 500 Christen, die wegen ihres Glaubens ermordet werden. Täglich.
Gruß, Josef
1. Mai 2008 at 1:56
Nüchtern betrachtet:
Es gibt und gab doch auf beiden Seiten “Verfolgte” und “Verfolger”. Muss man nicht Glauben und “Kirche als Institution” voneinander trennen, um zu vernunftgeleiteten Urteilen zu kommen?
Der Vorschlag von jobo72 würde für ein “Gleichgewicht” sorgen, oder nicht?
1. Mai 2008 at 2:35
“Muss man nicht Glauben und “Kirche als Institution” voneinander trennen, um zu vernunftgeleiteten Urteilen zu kommen?”
Ein Katholik würde das mit Sicherheit nicht tun. Und dennoch zu vernunftgeleiteten Urteilen gelangen.
“Der Vorschlag von jobo72 würde für ein “Gleichgewicht” sorgen, oder nicht?”
Ob Josef den Vorschlag ernst gemeint hat? Ich habe da so meine Zweifel.
1. Mai 2008 at 6:35
Trennung von Religion und Kirche:
Sehr populär, viel geübt („Patchwork-Religiosität“), aber letztlich m.M.n. nicht wirklich sinnvoll und erfüllend, da der religiöse Ritus auch nach Gemeinschaft verlangt, nach gemeinsamem Erleben des Glaubens. Kirche bietet dafür Raum. Freilich schafft Kirche auch Probleme, die die oder der Gläubige ohne sie nicht hätte, aber dann muss sie oder er sich schon fragen, an wem es liegt.
Es gibt im übrigen inner- wie außerhalb der Kirche Menschen, an deren „Vernunftgeleitetheit“ ich Zweifel habe. Ob man also die Kirche von außen besser beurteilen kann als von innen, wage ich in Frage zu stellen. Nur eines scheint mir offensichtlich: Von innen kann man sie besser verändern.
Christenverfolgung:
Die Sache – Verfolgung aus religiösen Gründen (egal, von wem sie ausgeht und wen sie trifft, aber es sind nun mal zu 80% Christen betroffen) – ist eine sehr ernste und leider sehr aktuelle, die es verdient, öffentlich gemacht zu werden. Mit einem Denkmal am Potsdamer Platz? Eher nicht. (Benno, Du hast mich durchschaut!).
Herzliche Grüße,
Josef