Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich. Wenn man den Naturwissenschaftlern zuhört, meint man ja immer, sie wüssten, wovon sie reden. Weit gefehlt! Anlässlich der Bonner Artenschutzkonferenz berichtet die Welt über einen häufig schamhaft verschwiegenen Sachverhalt: dass über den Artbegriff keine Einigkeit besteht, dass im Grunde niemand weiß, was eine Art ist. Bereits Darwin habe von „defining the undefinable“ gesprochen, heißt es.
Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, auf dieses „undefinable“ eine großartige Theorie zu bauen. Auch seine Adepten schert nicht, dass sie im begrifflichen Nebel stochern. Sie umgehen ihr Unwissen einfach mit der bekannten Ankündigung, dass sie das Problem „noch nicht“ im Griff hätten, aber, unter Einsatz modernster Computertechnologie, sicherlich sehr bald lösen könnten. Nun soll eine Datenbank mit dem Namen „Encyclopedia of Life“ helfen. Doch der Verdacht bleibt, dass das Nichtwissen nur auf eine neue Stufe gehoben wird.
31. Mai 2008 at 9:36
Wo benötigt man denn einen Art-Begriff für die Evolutionstheorie?
Man benötigt eigentlich noch nicht mal eine Definition von Leben.
Aus der Theorie folgt doch grade dass es sehr wahrscheinlich exakten nicht willkürlichen solchen Begriff geben kann.
Arten sind halt eine heuristische Klassifikation von Lebewesen. Das ist zwar nicht exakt aber doch ganz nützlich.
Warum soll damit das Nichtwissen auf eine Neue stufe gehoben werden?
Was genau bedeutet es „Nichtwissen“ auf eine neue Stufe zu heben?
7. Juni 2008 at 8:36
Lieber Benno!
in gebündelter Form zwei Anmerkungen, eine allgemeine und eine zu diesem Beitrag:
1.) Zu „Schöpfung und Evolution“:
Ich habe gestern ein Buch zur Rezension bekommen (Owen Gingerich: Gottes Universum. Nachdenken über offene Fragen. Berlin 2008), das sehr vielversprechend zu sein scheint. Gingerich ist Harvard-Professor für Astronomie und Wissenschaftsgeschichte und versucht in dem Essay, dem offenbar die Manuskripte seiner „Noble Lectures“ (2006) zugrunde liegen, Ordnung in den Diskurs um Schöpfung und Evolution zu bringen. Die Ausgangsthesen lauten: 1. „Wer – wie die Kreationisten – Gott als unmittelbar wirksame Ursache in der Erklärung der Entstehung von Kosmos und Leben nachzuweisen versucht, hat nicht begriffen, was eine naturwissenschaftliche Erklärung ist.“ – 2. „Und wer umgekehrt aus der naturwissenschaftlichen Erklärung die Folgerung zieht, alles verdanke sich einem Zufall, der den Glauben an einen transzendenten Schöpfergott ausschließt, treibt nicht Naturwissenschaft, sondern schlechte Metaphysik.“ Zusammengefasst: „Beide Extreme verfehlen die wirklichen Fragen, die das Universum an den Menschen stellt.“
Ich erhoffe mir von der Lektüre v.a. eine Klärung der Begriffe. Fraglich ist nämlich, welchen Begriff von „Kreationismus“ Gingerich hat. Interessant auch, welche Rolle für ihn die Geschichte spielt. Und schließlich: Zu welchen Antworten er kommt. Ich bin mal sehr gespannt! Die Rezension wird vorauss. im Juli bei „literaturkritik.de“ erscheinen.
2.) Zu „Artbegriff und (Neo-)Darwinismus“:
Wolfgang Kuhn (1928 – 2001) war Professor für Biologie in Saarbrücken. Auf kath-info.de ist eine mehrteilige Serie erschienen: „Darwins Evolutionstheorie. Eine bleibende Herausforderung“, in der Kuhn sein Denken darlegt. In der jüngst erschienen 5. Folge schreibt er unter der Überschrift „Keine Mutation überschreitet die Artgrenze!“ u.a. folgendes:
„Die zahllosen, bislang durch Strahlen oder Chemikalien ausgelösten Mutationen, die den natürlichen völlig entsprechen, haben keinerlei Hinweis auf irgendwelche die Grenzen der jeweiligen Art überschreitenden Umformungen oder gar die Bildung andersartiger, neuer Strukturen ergeben. Alle blieben innerhalb der Grenzen der Art (intraspezifische Mutationen). Sie bewirkten ausnahmslos nur Abänderungen von Organen oder Merkmalen, die vorher schon vorhanden waren. So wurden beispielsweise Individuen der Taufliege Drosophila melanogaster über tausend (!) Generationen hinweg immer wieder Strahlen ausgesetzt, die Mutationen auslösten. Die Ergebnisse der Untersuchungen an insgesamt mehreren Millionen (!) Tieren bestätigten die Erfahrung, daß nahezu alle Mutationen Verlustmutationen sind, also Schädigungen bewirken, und ergaben, daß sich zwar die Augenfarbe ändern kann, die Form der Flügel und Füße, daß die Organe verkrüppeln (z. B. als Stummelflügel, Klumpfüße etc.) und verkümmern, aber nicht in einem Fall irgend etwas Neues entstand – schon gar nicht eine andere Insektenart! Es besteht nicht der mindeste Zweifel daran, daß alle diese vielen Mutanten der Drosophila immer noch zur gleichen Art gehören wie ihre Vorfahren (R. Zdansky). Man hat auch bei anderen Lebewesen, sogar bei Säugetieren, vergleichbare Mutationen ausgelöst, doch das Ergebnis entspricht in allem dem der Drosophila-Erfahrungen: bis heute ist noch kein einziger Fall von Artgrenzen-Überschreitung bekanntgeworden! Somit erweist sich die Grundvoraussetzung der Neodarwinistischen Theorie gerade nicht als gesichertes Ergebnis wissenschaftlicher Forschung, sondern als unbewiesenes Dogma, als Glaubenssatz.“
Das entspricht im der Schlussfolgerung dem, was ich auch denke. Das heißt freilich nicht, dass die neodarwinistische Theorie damit schon falsch sei, sondern dass es möglich und sinnvoll ist, auch andere Ansätze zu verfolgen, die in der Fachwelt entsprechend ernst genommen werden sollten. Es kann natürlich sein, dass inzwischen die Frage geklärt ist, denn der Text ist schon über 20 Jahre alt (kath-info.de: „Der Aufsatz „Darwins Evolutionstheorie. Eine bleibende Herausforderung“ erschien 1985 als Nr. 116 in der Reihe Kirche und Gesellschaft, herausgegeben von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach.“). Vielleicht ist es inzwischen gelungen, Artgrenzen-Überschreitung nachzuweisen, so dass aus dem Glaubenssatz eine wissenschaftliche Aussage geworden ist, aber dazu kann ich nichts sagen.
Viele Grüße,
Josef
7. Juni 2008 at 8:49
Ach, so – noch eins zum „Wissen“: Dass der Umfang dessen, von dem wir wissen, dass wir es nicht wissen, steigt, je mehr wir wissen, ist seit der Antike bekannt (Sokrates hat dieses Paradoxon formuliert). Ist ja auch klar: Mit jeder neuen Erkenntnis ergeben sich neue Fragen, die vorher eben noch gar nicht in den Sinn kommen konnten. Hinzu kommt die inter- und transdisziplinäre Herausforderung, Fragen aus anderen Gebieten aufzugreifen bzw. durch Forschungsergebnisse die eigenen Vorstellungen überprüfen und ggfs. korrigieren zu müssen, woraus sich dann wiederum Fragen zu den methodischen Grundlagen dieser gegenseitigen Befruchtung ergeben (v.a. zw. Geistes- und Naturwiss.). – Was ich in dem Zusammenhang für dramatisch halte: Dass wir bei allem „Fortschritt“ auch (traditionelles) Wissen verlieren, weil es scheinbar nicht mehr nützlich ist. Aber das zu entfalten, führte hier zu weit…
Gruß, Josef
8. Juni 2008 at 13:54
„1. „Wer – wie die Kreationisten – Gott als unmittelbar wirksame Ursache in der Erklärung der Entstehung von Kosmos und Leben nachzuweisen versucht, hat nicht begriffen, was eine naturwissenschaftliche Erklärung ist.“ – 2. „Und wer umgekehrt aus der naturwissenschaftlichen Erklärung die Folgerung zieht, alles verdanke sich einem Zufall, der den Glauben an einen transzendenten Schöpfergott ausschließt, treibt nicht Naturwissenschaft, sondern schlechte Metaphysik.“ Zusammengefasst: „Beide Extreme verfehlen die wirklichen Fragen, die das Universum an den Menschen stellt.““
Das klingt doch sehr vernünftig – ich freue mich auf Deine Rezension!
„Dass der Umfang dessen, von dem wir wissen, dass wir es nicht wissen, steigt, je mehr wir wissen, ist seit der Antike bekannt (Sokrates hat dieses Paradoxon formuliert).“
Ja, Du und ich, wir wissen das. Und sicherlich viele andere aufgeklärte Menschen. Aber vor allem die schlechten Naturwissenschaftler (oder sollte ich, mit Ginegrich, besser „schlechten Metaphysiker“ sagen?) haben das vergessen bzw. wollten es nie wissen.
1. Oktober 2008 at 16:38
Die Rezension zu
Owen Gingerich: Gottes Universum. Nachdenken über offene Fragen
ist jetzt online:
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12320
Gruß, Josef
5. Oktober 2008 at 1:39
Inzwischen gibt es auch die ersten Reaktionen auf die Rezension, auf „kath-info“ und im „Brights-Blog“.
Ich freue mich sehr über das Interesse an dem Gingerich-Buch bzw. an meiner Rezension dazu. Nur: Eine solche Rezension zu einem sehr ausgewogenen Buch eines anerkannten Wissenschaftlers unter „Fundamentalismus“ zu verbuchen („Tags“), wie auf dem „Brights-Blog“ geschehen, halte ich hingegen für verfehlt, zumal der Autor mit seiner Schrift gerade das Gegenteil bezweckt und nach meiner Auffassung auch erreicht: „Anti-Fundamentalismus“, wenn man so will. Und zwar in beide „Richtungen“ – Schöpfung und Evolution –, soweit sich ihre Vertreter jeweils exklusiv als einzige Welterklärer verstehen und entsprechend aufführen, also bildungs- und wissenschaftspolitisch ein Deutungsmonopol einrichten wollen. Dagegen verwehrt sich Gingerich – als hoch renommierter Wissenschaftler und als tief gläubiger Christ.
Nun denn, es grüßt aus Berlin: Josef
6. Oktober 2008 at 16:45
Herzlichen Glückwunsch, mein Lieber! Vielleicht bekommst Du den „Dodo“ doch noch einmal!