Manfred Lützens neues Buch ist als Antwort auf die Bücher von Dawkins & Co. zu verstehen. Es ist aber besser als die zum Teil unsäglichen Ergüsse dieser neuen Glaubenskrieger, denn es besteht nicht nur aus Meinung, sondern ihm liegt ein tiefes Verständnis des Glaubens an Gott (gemeint ist vor allem der christliche) nebst allen Zweifeln zugrunde, die man bei diesem Glauben haben kann. Es ist sehr einfach geschrieben, es kommt plaudernd und mit einer persönlichen Note daher und verzichtet auf Fußnoten und leider auch auf Literaturangaben. Wer sich bequem für die gegenwärtige Offensive der neu-alten Atheisten ein wenig aufmunitionieren möchte, ist mit dem Buch gut bedient.

Das Kapitel „Der Gott der Wissenschaftler – Galilei, Darwin, Einstein und die Wahrheit“ (S. 107-146) behandelt das Verhältnis von Wissenschaft und Religion und ist so relevant, dass ich es im Folgenden mit meinen eigenen Worten wiedergebe. Die Zitate sind allesamt von Lütz:

  • Die Grundlage jeder Wissenschaft: Monotheismus

Die Behauptung, dass der Glaube, insbesondere der christliche, der Vernunft widerspreche und dass Religion und Wissenschaft nicht miteinander zu vereinbaren seien, ist falsch. Das Gegenteil ist richtig, denn recht besehen hat erst die christliche Religion, die auf jüdischen Fundamenten aufbaut, die systematische Erforschung der Natur ermöglicht. In Naturreligionen oder der griechischen Religion bevölkerten Götter oder Geister die Welt. Die Menschen mussten sie irgendwie besänftigen und versuchen, sich vor ihren Launen zu schützen. Dagegen schuf der jüdisch-christlich Gott die Welt aus dem Nichts: Gott und Welt sind seitdem getrennt zu denken, und der Mensch erhält den Auftrag, für diese Welt zu sorgen. Gegenüber Gott ist der Mensch zwar nichts, doch gegenüber der Welt wird der Mensch aufgewertet. Der Auftrag, sie sich untertan zu machen, heißt übrigens nicht – und hat es nie geheißen –, sie auszubeuten.

Erst diese Konstellation ermöglicht die systematische Aneignung von Wissen, das systematische Erforschen der Natur, also das zu tun, was man Wissenschaft nennt. Vor allem im viel geschmähten, aber doch eigentlich „vernunftversessenen Mittelalter“ befanden sich Kirche und Wissenschaft, Glaube und Vernunft im vollen Einklang miteinander. Die Klöster waren Zentren der Wissensmehrung und –vermittlung, die Päpste wichtige Wegbereiter neuer Ideen; man denke an die Etablierung des heliozentrischen Weltbildes oder der Einführung des gregorianischen Kalenders.

Sie war „kein Sieg der Wissenschaft über die Religion, er war vielmehr Ausdruck der völligen Einmütigkeit zwischen Kirche und Wissenschaft.“

  • Galilei, der erste Wissenschaftsjournalist

Im „Fall Galilei“ ging es nicht um die Unterdrückung wissenschaftlicher Gedanken, sondern es handelte sich um den „größten Mediencoup aller Zeiten“. Papst Gregor XIII. hatte auf der Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse den Kalender reformiert; das heliozentrische Weltbild wurde nicht angezweifelt. Galilei indes war ein eitler und aufbrausender Mensch, der in der spannungsgeladenen Weltlage zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg glaubte provozieren zu müssen. Was ihm zunächst misslang, denn der Papst wollte mit ihm gar nicht streiten; auch die Inquisition behandelte ihn nachsichtig.

„Der feinsinnige hochgebildete Kardinal Robert Bellarmin riet ihm, das kopernikanische Weltbild als Hypothese und nicht als unverrückbare Wahrheit zu vertreten – und war mit diesem Rat auf dem heutigen wissenschaftstheoretischen Stand.“

Galilei aber wollte Streit. Er verspottete den Papst, der ihn daraufhin wegen des gebrochenen Versprechens, Zurückhaltung zu üben, zu Publikationsverbot und Hausarrest verurteilte. Im Verlauf der Zeit entstanden zahlreiche Mythen über Galilei und seinen Kampf, die kaum mehr auszurotten sind: zum Beispiel dass er das Teleskop erfunden hätte, dass er vom christlichen Glauben abgefallen wäre, dass er von der Inquisition gefoltert oder ungerecht behandelt worden wäre und dergleichen mehr. Nichts davon ist wahr. Galilei hat keine wissenschaftliche Erkenntnisse gegen die Kirche durchgesetzt, er war kein Märtyrer der Wissenschaft und schlecht erging es ihm auch nicht.

  • Nichts, worüber sich zu streiten lohnte: die Evolutionstheorie

Darwins Evolutionstheorie eignet sich nicht als Beweis der Nichtexistenz Gottes. Die Zeit Darwins, also das 19. Jahrhundert, war der Theorie indes hold. Es schien vielen Wissenschaftlern, als sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis alle Wissenslücken gestopft seien und die „Hypothese Gott“ (Laplace) endgültig ad acta gelegt werden könne. Gott, das war für viele Wissenschaftler bloß ein Lückenfüller, und die Evolutionstheorie schien geeignet, der Religion und dem alttestamentarischen Schöpfungsmythos den entscheidenden Stoß zu versetzen. Dass die Kirche nie behauptet hatte, dass man ihn wörtlich zu nehmen habe und insofern gar nicht im Widerspruch zur Wissenschaft stehen konnte, nahmen sie allerdings nicht zur Kenntnis.

Der bis heute andauernde Streit um die Evolutionstheorie entstand, weil manche Wissenschaftler die Religion – bzw. ein Zerrbild derselben – angriffen und sich Gläubige zu ebenso scharfen Gegenschlägen hinreißen ließen. Damit ging der Streit von Beginn an an der Sache vorbei; über die Frage, warum die Welt existiert oder Ordnung herrscht, macht die Theorie ja keine Aussage. Und im Gegensatz zu seinen Anhängern blieb Darwin der bescheidene Wissenschaftler, der die Grenzüberschreitung der Heutigen niemals begangen hätte. Auch für die Kirche gab es durch Darwins Publikationen keinen Grund zur Beunruhigung.

„Für wache Christen stellt die Evolutionstheorie eigentlich einen erfreulichen Fortschritt dar. Die katholische Kirche jedenfalls hat sie lehramtlich nie verurteilt.“

  • Das feste Bündnis zwischen katholischer Kirche und Vernunft

Auf dem ersten Vatikanischen Konzil von 1870 bekräftigte die katholische Kirche, dass zwischen Glauben und – recht verstandener – Vernunft kein Widerspruch bestehen kann. Sie erneuerte damit ihre – zugegeben: manchmal verschüttete – Grundhaltung, die Wissenschaftler zu weiteren Anstrengungen zu ermutigen, die Gesetze der Natur zu erforschen. Sie hat sich auch für Atheisten als eine Instanz etabliert, deren Meinung in schwierigen ethischen Fragen großes Gewicht hat. Bestätigt fühlen kann sie sich durch die Quantentheorie, Relativitätstheorie und Urknalltheorie, die die vermeintliche Identität von Wissenschaft und Atheismus gründlich destruierten.

  • Wunder gibt es immer wieder

Wunder sind keine Durchbrechung von Naturgesetzen, denn es gibt keine Naturgesetze im traditionellen Sinn. Die Theologen haben unter dem Paradigma des 19. Jahrhunderts, das von Quantenphysik nichts wusste, gelernt, dass Wunder als zeichenhaftes Handeln Gottes zu verstehen sind. Diese Haltung wurde befördert durch die atheistischen Naturwissenschaftler, die meinten, dass alles in der Natur nach festgelegten Regeln abläuft, die nicht gebrochen werden könnten. Gott wurde damit gleichsam weggesperrt, und es wurde ihm untersagt, in den Gang der Dinge einzugreifen. Dumm nur, dass andere Naturwissenschaftler inzwischen herausfanden, dass die Naturgesetze nicht absolut gelten, sondern nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden können. Es ist deshalb, wissenschaftlich gesehen, nicht ausgeschlossen, dass die Himmelfahrt Christi stattgefunden hat, auch wenn sie unwahrscheinlich ist. Ähnliches gilt für die Schöpfung, die die Evolutionstheorie, recht verstanden, nicht erklären kann und will.

  • Die ewige Wiederkehr des Gleichen

Die alten – falschen – Frontstellungen kehren heute wieder, weil sie von den atheistischen Wissenschaftlern, die vom Mythos der Feindschaft zwischen Religion und Wissenschaft nicht lassen wollen, gepflegt werden, wie das Beispiel Stephen Hawkings lehrt. Dabei zeigt sich im wissenschaftlichen Alltag immer wieder, dass vernünftige atheistische Wissenschaftler vernünftige christliche Wissenschaftler schätzen (und umgekehrt) und sogar reges Interesse an der Frage nach Gott haben. Nur die schlechten Wissenschaftler halten an der Konfrontation fest und behaupten, dass die Evolutionstheorie nicht mit einem Schöpfergott vereinbar sei; diese Auffassung jedoch „hatte schon im 19. Jahrhundert nicht das Kriterium der Wissenschaftlichkeit erfüllt.“ Natürlich treten im Gegenzug auch wieder die Kreationisten auf den Plan,

„die die Bibel so wörtlich nehmen, wie das selbst die hebräischen Nomaden vor über 3000 Jahren nicht getan hätten. In den Vereinigten Staaten versuchen nun beide Auffassungen, den Schulunterricht für sich zu erobern. Dabei haben sie im Grunde alle beide zumindest im Biologieunterricht nichts zu suchen.“

Auch das, was heute in der Hirnforschung daherkommt, ist aus dem 19. Jahrhundert nur zu bekannt, bloß die Präsentationstechnik ist besser geworden. Bei dem Glauben, materielle Prozesse korrelierten eins zu eins mit geistigen, handelt es sich um einen Kategorienfehler, ähnlich dem des sowjetischen Kosmonauten Gagarin, der aus dem Weltraum mitteilte, er habe Gott nicht gefunden. Hier droht Gefahr für die Wissenschaft, und sie geht von den Atheisten aus: dass das Wegdiskutieren Gottes ein Einfallstor für Plastikreligionen öffnet, die im besten Fall die Glaubwürdigkeit des betreffenden Wissenschaftlers mindert.

„Wissenschaftler jedenfalls betreiben nur dann seriöse Wissenschaft, wenn sie nicht behaupten, Wahrheiten erkennen zu können, sondern bloß stets falsifizierbare Wahrscheinlichkeiten.“

Manfred Lütz: Gott. Eine kleine Geschichte des Größten, Pattloch Verlag, München 2007. ISBN 978-3-629-02158-8. 297 Seiten. Preis: 19,95 Euro.