Der einschlägig – im besten Sinne – als Querulant bekannte Peter Bierl geht in einem langen Aufsatz „Aufstand der Tiere. Der Streit um das ‚Ferkelbuch’. Über eine Religionskritik mit reaktionärem Vorzeichen“ in der linken Wochenzeitung Jungle World mit Michael Schmidt-Salomons „Ferkelbuch“ und der Szene, in der sich die Leitfigur des vulgären Atheismus tummelt, ins Gericht. Er kritisiert die Atheistenszene aus einer dezidiert linken Perspektive, die sich auf Horkheimer/Adornos „Dialektik der Aufklärung“ beruft. Religionskritik gehört zu ihrem Programm – aber nicht jede.

„Religionskritik ist notwendig … Ernst zu nehmende Religionskritik muss jedoch auch die braune Pseudokritik an Christentum, Judentum oder Islam bekämpfen, anstatt Elemente dieser Ideologie zu übernehmen, ihre Vertreter zu rehabilitieren und mit ihnen zu paktieren. Eine emanzipatorische Religionskritik darf auch nicht positivistisch sein. Für Fortschrittsoptimismus und Wissenschaftsgläubigkeit, die der traditionelle Marxismus teilt, gibt es keinen Anlass – spätestens seit sich die Wissenschaft in den Dienst des Faschismus stellte und die Vorstellung einer immerwährenden Fortentwicklung der Menschheit von der NS-Barbarei widerlegt worden ist.“

Dem „Ferkelbuch“ attestiert Bierl subtilen Antisemitismus. Das Judentum werde mit Christentum und Islam auf eine Stufe gestellt, was nicht der Wahrheit entspreche. Mit dieser Darstellung werde unterschlagen, dass die jüdische Geschichte stets eine Geschichte erlittener Verfolgung gewesen sei. Beispielsweise werde mit dem Bild der raufenden Geistlichen – Rabbi, Bischof, Mufti – unterstellt, dass das Christentum, der Islam und das Judentum gleichermaßen gewalttätig seien; damit ignoriere Schmidt-Salomon wesentliche Aspekte der Geschichte „und entlastet christliche und muslimische Täter“.

Über das Scheitern des Indizierungsantrags und die Verteidigungen gegenüber dem Antisemitismusvorwurf kann Bierl nur milde lächeln.

„Der Antisemitismus muss hierzulande in Springerstiefeln und mit einem Braunhemd daherkommen, um als solcher erkannt zu werden, das zeigte bereits die Affäre um Martin Walsers Paulskirchenrede vor zehn Jahren.“

Das Milieu, in dem Bücher wie das „Ferkelbuch“ gedeihen können, beschreibt Bierl sehr anschaulich. Hier tauchen Linke wie Rechte auf, dumpfe Esoteriker, Tierrechtler und völkische Humanisten. Bierl nennt Karlheinz Deschner und Schmidt-Salomon, Karl Schachtschneider und Ernst Topitsch, Peter Singer und Norbert Hoerster. Da taucht der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) ebenso auf wie die Sekte Universelles Leben. Sie befinden sich – nach Bierl – auf eine sehr spezielle Weise in einem ideologischen Gleichklang, der nicht frei ist von Antisemitismus. Er trete beispielsweise bei Tierrechtlern zutage, die „die jüdische Religion als Produkt egoistischer Viehzüchter“ schmähten und für Tierquälerei verantwortlich machten. Damit würden sie „antisemitische Agitation“ betreiben.

Was sich in diesem Milieu so alles links nennt, kann man, Bierl zufolge, kaum noch von den Rechten unterscheiden; jedenfalls scheinen die Grenzen fließend zu sein. Schmidt-Salomon etwa sei unfähig, sich mit Kritik an seiner eigenen Ideologie auseinanderzusetzen – was durchaus angezeigt wäre, denn er betreibe „vielmehr eine rassistisch konnotierte Kritik, wenn er schreibt, Deutschland habe ‚mit der türkischen Community nicht nur Kebab, Bauchtanz, orientalische Musik, Kunst und Lyrik importiert, sondern auch die ideologischen Keimlinge einer Religion, die weit weniger als das europäische Christentum gezwungen war, durch die Dompteurschule der Aufklärung zu gehen’. Schmidt-Salomon reduziert diese Einwanderer auf Kebab und Bauchtanz.“

Die Melange aus Ablehnung des Judentums und Dekonstruktion der Menschenrechte (Ablehnung eines prinzipiellen Lebensrechts für Säuglinge u.a.) heißt für Bierl, dass sich diese Kritik von der Aufklärung entfernt hat. Schmidt-Salomon habe sogar Adolf Hitler für „im Grund moralisch unschuldig“ erklärt.

„Der Kreis schließt sich: Judentum wie Christentum stehen mit ihrem Beharren auf der Gleichheit aller Menschen vor Gott und dem Recht auf Leben für alle Menschen gegen Euthanasie, gegen die Auffassung von Dawkins, der Mensch sei ein scheppernder Roboter. Wenn es keine Willensfreiheit gibt, sind Schuld und Sühne metaphysische Spinnereien, und moralisch spricht nichts mehr dagegen, Menschen als ‚Nicht-Personen’ abzuwerten und zu behandeln. Darum verzeichnet eine solcherart motivierte Pseudo-Religionskritik das Judentum in antisemitischer Weise als Strafgericht, wie es Schmidt-Salomon in seinem ‚Ferkelbuch’ tut. Und darum gilt es, diese Sorte Religionskritik genau zu analysieren und zu bekämpfen.“