Sehr geehrter Herr Professor Beck,
Sie stellen, wie es gute Soziologenarbeit leistet, schlüssig einen bemerkenswerten Zug der gesellschaftlichen Entwicklung der neuesten Zeit dar, auf empirischer Grundlage, wie ich annehme.
Die dazu passende Überschrift wäre wohl gewesen: „Jeder schafft sich seinen eigenen Gott“. Warum aber formulieren Sie eine Art „Verkündigung“: Jeder kann sich seinen Gott erschaffen? Warum fühlen Sie sich aufgerufen – und wodurch fühlen Sie sich legitimiert, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse dessen, was da ist, mit einem „Appell“ zu krönen, was da sein soll: mit der Forderung, Religion müsse den „Anspruch auf Wahrheit ersetzen durch den Anspruch auf Frieden“, und mit dem apodiktischen Urteil: „Was aber nur geht, wenn sie das Nicht-Wissen akzeptiert“?
Sie behaupten, es sei der Wahrheitsanspruch von Religion, was den Frieden gefährdet?
„Just who has imposed on the suffering human race poison gas, barbed wire, high explosives, experiments in eugenic, the formula for Zyklon B, heavy artillery, pseudo-scientific justifications for mass murder, cluster bombs, attack submarines, napalm, intercontinental ballistic missiles, military space platforms, and nuclear weapons? If memory serves, it was not the Vatican“ (D. Berlinski, The Devil’s Delusion, New York 2008, S. 21).
Man könnte die Liste verlängern im Hinblick auf Weltkriege I und II, Gulag, Holocaust, Irakkrieg (den, if memory serves, niemand als Papst Johannes Paul II. mit allen seinen Mitteln zu verhindern suchte, während die deutsche Kanzlerin in Washington erklärte: „Ich bin für den Krieg“). Sie unterstellen, dass Wahrheitsanspruch und Friedensbotschaft unvereinbar seien. Sie kennen die christliche Botschaft nicht! Aber Sie verwerfen sie. Das ist vielleicht ein Beispiel für „moderne Wissenschaft“, „gerade die gute“, die Sie dafür loben, dass sie „mehr Ungewissheit als Gewissheit produziert.“ – In dieser Zeit, in der Wissenschaftler ohne Scheu vor dem Widerspruch und von niemandem widersprochen autoritativ und apodiktisch als wahre Erkenntnis verkünden, dass die Wahrheitsfähigkeit und -bedürftigkeit des Menschen eine Unfrieden stiftende Wahnvorstellung sei, könnte Ihr Buch gut ein Bestseller werden.
Mit freundlichen Grüßen
22. Juli 2008 at 10:23
Das Interview ist interessant: Ein Atheist betrachtet soziologisch das Phänomen Religion bzw. Religiosität, um schließlich mit der Liebe Jesu Christi zu enden. Denn entscheidend ist doch wohl der Schlusssatz: „Aber wenn ich einen Obdachlosen sehe, denke ich an den Satz: Was du dem geringsten meiner Brüder tust, das hast du mir getan.“ Und wenn der Gedanke dann auch noch Anlass zum Handeln gibt, befindet sich der Handelnde nolens volens in der Nachfolge Christi.
Und übrigens: Die Aussage „Das ist meine Hoffnung und auch mein Appell: dass Religionen den Anspruch der Wahrheit ersetzen durch den Anspruch auf Frieden. Was aber nur geht, wenn sie das Nicht-Wissen akzeptieren.“ ist im Grunde für das Christentum viel zu unspektakulär, um sich darüber aufzuregen.
1. Christliche Wahrheit, wenn sie gelebt wird, führt zum Frieden.
2. Die Akzeptanz des Nicht-Wissens von Gott ist ein uraltes judeo-christliches Motiv. Es fußt auf dem alttestamentlichen Bilderverbot und erreicht in der mittelalterlichen Mystik durchgängig eine theologische Selbstverständlichkeit, um bei Meister Eckhart sogar normativ ausgelegt zu werden: Die angestrebte Gottesgeburt in der Seele vollzieht sich durch mystische Erfahrung, was bei Meister Eckhart ein Erkennen Gottes meint. Um Erkennen zu können, müssen die Sinne des Erkennens aber ledig sein von allem, „leer werden“, auch vom Gegenstand des Erkennens. Die Seele, in der die Erkenntnis Gottes stattfinden soll, muss also „leer werden“ von Gott und gleichsam für Gott. Der Mensch, so Eckhart, muss „um Gottes Willen“ von Gott selbst lassen.
Das „Nicht-Wissen“ oder gar „nichts wissen“ ist ein Aspekte des Armseins. (Nichts wissen ist nicht zu verwechseln mit „Nichts“ wissen, „das Nichts“ kennen – was bei Eckhart wieder ein Wissen von Gott wäre und damit ein „Alles“ wissen implizierte, denn er verwendet in einigen Texten Gott und „Nichts“ synonym; vom Unsagbaren zu reden führt halt zwangsläufig in die Paradoxie, Eckhart selbst weist manchmal darauf hin!). In seiner Armutspredigt Beati pauperes spiritu, quia ipsorum est regnum coelorum (Mt 5, 3) definiert er als „arm“ (und damit „selig“), wer nichts will, nichts hat und nichts weiß.
Ein längeres Zitat aus der Predigt zum Nicht-Wissen: „Zum andern Male ist das ein armer Mensch, der nichts weiß. Wir haben gelegentlich gesagt, daß der Mensch so leben sollte, daß er weder sich selber noch der Wahrheit noch Gott lebe. Jetzt aber sagen wir’s anders und wollen weitergehend sagen: Der Mensch, der diese Armut haben soll, der muß so leben, daß er nicht (einmal) weiß, daß er weder sich selber noch der Wahrheit noch Gott lebe. Er muß vielmehr so ledig sein alles Wissens, daß er nicht wisse noch erkenne noch empfinde, daß Gott in ihm lebt, – mehr noch: er soll ledig sein alles Erkennens, das in ihm lebt. Denn, als der Mensch (noch) im ewigen Wesen Gottes stand, da lebte in ihm nicht ein anderes; was da lebte, das war er selber. So denn sagen wir, daß der Mensch so ledig sein soll seines eigenen Wissens, wie er’s tat, als er (noch) nicht war, und er lasse Gott wirken, was er wolle, und der Mensch stehe ledig.“ (Die Armutspredigt, für alle, die sie noch einmal nachlesen möchten, ist u.a. abgedruckt in: Josef Quint (Hg.), Meister Eckhart. Deutsche Predigten und Traktate, München 1963, S. 303 ff.).
Also: Beck folgt Eckhart, vermutlich ohne es zu wissen [sic!]. Dennoch bleibt immer ein unangenehmer Beigeschmack, wenn Religion von außen betrachtet wird (das ist es ja wohl, was Religionssoziologie leistet und überhaupt nur leisten kann). Nur gläubige Menschen können etwa die religiöse Bedeutung von Symbolhandlungen verstehen und damit einer Liturgie Sinn abgewinnen. Für Nicht-Gläubige wie Beck muss das unverständlich sein und damit unverstanden bleiben. Die Gefahr, die bei einer Außenbetrachtung besteht (und bei weniger reflektierten Formen des Atheismus wird dies deutlich), liegt darin, dass Religiosität, wenn man sie auf die äußere Form reduziert und aller metaphorischen Bezüge zur Transzendenz beraubt, lächerlich wird (werden muss!). Nur hat man sie, obgleich richtig beschrieben, damit nicht erfasst. Das ist übrigens das Grundproblem des ontologischen Naturalismus: die Reduktion auf Äußerlichkeit. Und mit Äußerlichkeiten ist die menschliche Kultur, zu der die Religionen ja zählen, nicht hinreichend beschrieben. Ein Fußballspiel ist eben mehr als „22 Männer, die hinter einem Ball herlaufen“. So scheint es für jemanden, der das Spiel nicht kennt. Der Fan, der vielleicht sogar noch zu einer bestimmten Mannschaft hält, sieht das unterdessen völlig anders.