Der naturalistische Fehlschluss in der Epistemologie und der Ethik basiert, so Eberhard Schockenhoff, Professor für Moraltheologie in Freiburg und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, auf dem Grundirrtum des ontologischen Naturalismus: Die naturalistische Weltdeutung hält fälschlicherweise einen Ausschnitt der Wirklichkeit, „nämlich die empirischer Betrachtung zugängliche Welt der nackten Tatsachen“ für das Ganze. Dies sei eine „Vorentscheidung, für die es keine guten philosophischen Gründe gibt“, meint Schockenhoff. In seinem neusten Werk „Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf“ (2007) erläutert Schockenhoff die philosophische Kritik am Naturalismus (S. 335-337).
Zum Zusammenhang von naturalistischem Fehlschluss und naturalistischer Weltdeutung führt er aus:
„Dem epistemologischen Vorwurf eines naturalistischen Fehlschlusses liegt der ontologische Irrtum einer naturalistischen Weltdeutung zugrunde, die einen Ausschnitt der Wirklichkeit, nämlich die empirischer Betrachtung zugängliche Welt der nackten Tatsachen für das Ganze hielt. Nur unter der Prämisse eines wertfreien, sinnleeren Seinsverständnisses, das Seiendes nicht als Träger von Bedeutungen, sondern nur als bloße Entitäten ohne objektiven Sinngehalt kennt, ist es plausibel, Wertannahmen auf die Projektion subjektiver Einstellungen zurückzuführen. Außerhalb dieser ontologischen Vorentscheidung, für die es keine guten philosophischen Gründe gibt, ist es dagegen durchaus vorstellbar, humane Güter und moralische Werte als Bestandteile unserer Welt und somit als etwas Reales anzusehen. Ein szientistischer Realitätsbegriff verkürzt dagegen die mehrdimensionale Bedeutung des Wirklichen. Die Welt, in der wir leben, umfasst nicht nur den Bereich der empirischen Tatsachen, die wir aus einer Beobachterperspektive mit naturwissenschaftlichen Methoden erkennen, sondern auch die Sphäre von Gütern, Werten und Rechten, deren Notwendigkeit für die gedeihliche Entfaltung unseres Menschseins wir als Teilnehmer einer gemeinsamen Lebenspraxis erfassen.“
Genau zu dieser Sphäre gehört die Norm, keine empirisch nicht belegbaren Aussagen im Diskurs um die Wahrheit zuzulassen! Weiter Schockenhoff:
„Die naturwissenschaftliche Weltsicht setzt einen distanzierten Betrachter voraus, der den von ihm untersuchten Gegenständen teilnahmslos gegenübersteht. Der Anspruch der naturwissenschaftlichen Methode, zu objektiv gültigen Erkenntnissen zu führen, erfordert geradezu, dass der Beobachter sich selbst und sein Wahrnehmungsvermögen von den beobachteten Dingen abzieht. Die wissenschaftliche Vernunft braucht leidenschaftslose Distanz zu ihren Objekten.“
Hier stellt sich mit Habermas die Frage, wie es denn damit aussieht, dass diese Distanz bei der Auswahl der Erkenntnisobjekte offenbar kurzzeitig überwunden ist. Wer sich für ein bestimmtes Studium und dann für eine Karriere in der Forschung entscheidet, muss doch ein bestimmtes Interesse haben. Wie verhält es sich mit diesem im weiteren Verlauf der wissenschaftlichen Tätigkeit? Verschwindet es wieder, weil dies der naturwissenschaftlichen Methode geschuldet ist oder bleiben Spuren dieses Interesses als Determinanten der Subjekt-Objekt-Beziehung erhalten? Schockenhoff geht darauf nicht ein. Er fährt fort mit anderen Bedenken: der Differenz von Faktizität und Normativität.
„Wird ihr ein Monopol auf Realitätserkenntnis eingeräumt, so erscheint der Verlust einer kritischen Wertperspektive, die einen faktischen Zustand im Licht einer Vorstellung vom idealen So-Sein der Dinge bewerten kann, als zwangsläufige Folge dieser epistemologischen Vorentscheidung. Die Welt wird unter diesem ,Blick von nirgendwo’ (Thomas Nagel) als tabula rasa erfasst, als leere Leinwand, auf die die menschliche Subjektivität ihre Einstellungen projiziert. Unter dieser Voraussetzung ist klar, dass von der empirischen Beobachtung reiner Tatsachen, die definitionsgemäß nur als facta bruta gelten können, nicht auf einen normativ bedeutsamen Sachverhalt geschlossen werden darf. Ein praktisch-ethisches Weltverhältnis ist dagegen nicht aus einer reinen Beobachterperspektive möglich. Es eröffnet sich nicht einem neutralen Außenstandpunkt des Denkens, sondern erst durch die Teilnahme an einer gemeinsamen Lebenspraxis. Aus dieser Teilnehmerperspektive erscheinen praktische Güter und menschliche Strebensziele – oder in der Sprache des moralischen Realismus: moralische Werte – als Bestandteile der Welt, ohne dass man zu ihrer Erklärung zu dubiosen Entitäten nach Art der platonischen Ideen oder irgendeiner absonderlichen Metaphysik Zuflucht nehmen müsste.“
Es zeigt sich: Der Naturalismus der Wissenschaft braucht das Korrektiv der Ethik, um die Neutralität des Beobachters in die Moralität des Teilnehmers zu überführen. Und dass, so Schockenhoff, ohne dabei an Rationalität einzubüßen:
„Erweitert man einen szientistisch verkürzten Realitätsbegriff um die kritisch-reflexive Dimension einer kommunikativen Vernunft, die sich auf eine gemeinsame Lebenspraxis bezieht, so hat der Gedanke nichts Befremdliches mehr, dass fundamentale Güter und moralische Werte als Ergebnis eines rationalen Denkprozesses erkannt werden können. Sie sind real als von der praktischen Vernunft erfasste Gegenstände menschlichen Strebens, als normative Wertsachverhalte, die sich nicht auf nackte Tatsachen reduzieren lassen (dies wäre die Umkehrung des naturalistischen Fehlschlusses), sondern einem eigenständigen Wirklichkeitsbereich der Welt angehören, der die Sphäre des gemeinsamen moralischen Handelns darstellt. Wie es unter den menschlichen Tätigkeitsformen die Praxis als ausgezeichnete Weise kommunikativen Handelns neben der Poieses als herstellender Tätigkeit gibt, so kennt die ontologische Landkarte neben der Welt vorfindlicher Dinge und gegenständlicher Produkte auch den Bereich praktischer Güter, deren Verwirklichung oder Erhaltung das Ziel moralischen Handelns ist. Das praktisch-ethische Weltverhältnis, das sich im kommunikativen Handeln erschließt, setzt somit eine reichhaltigere Ontologie voraus als das naturwissenschaftliche Weltbild, das von den mehrschichtigen Bedeutungszusammenhängen des Wirklichen abstrahiert.“
Entscheidend ist nun die Differenzierung von ontologischem und methodischem Naturalismus. Als Methode der Naturwissenschaft gültig, führt der Naturalismus mit „Alleinvertretungsanspruch“ zu einem „eindimensionalen Seinsverständnis“. Schockenhoff dazu:
„Diese Feststellung bedeutet nicht, dass die methodischen Ideale der exakten Naturwissenschaft, insbesondere die cartesianische Vorstellung einer klaren und bestimmten Erkenntnis und das Modell der empirischen Verifizierbarkeit innerhalb des Bereiches naturwissenschaftlicher Forschung kritisiert werden sollten, in dem die Gültigkeit und Nützlichkeit dieser Vorgehensweise unbestritten ist. Zurückzuweisen ist nur der implizite Alleinvertretungsanspruch einer empirischen, scheinbar objektiven Ontologie für alle Sphären der Wirklichkeit, der tatsächlich zu einem reduktionistischen, eindimensionalen Seinsverständnis führt.“
Aber:
„Die Vorherrschaft eines szientistischen Rationalitätsbegriffes verleitet leicht dazu, Aussagen über erstrebenswerte Güter und Ziele, über die offenen Entwicklungsmöglichkeiten der Dinge und ein ideales Sein-Können des Menschen, die ein metaphysisches Verständnis der Welt erfordern, als unwissenschaftlich abzutun.“ Dies geschieht insbesondere dann, wenn Naturwissenschaftler ihren Blick auf die Kolleginnen und Kollegen der geisteswissenschaftlichen Fakultäten (herab)richten, oder auch, wenn jene einen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion konstruieren.
Schockenhoff stellt klar:
„Ein derartiger Vorwurf lässt sich durch einen präziseren Gebrauch des Begriffs ,wissenschaftlich’ leicht entkräften. Vielschichtigere und ontologisch anspruchsvollere Weltdeutungen als die der Naturwissenschaft sind zwar nicht mit deren empirischen Methoden beweisbar, aber deshalb nicht unwissenschaftlich. Als unwissenschaftlich werden unbegründete Antworten auf Fragen der Wissenschaft bezeichnet, dagegen fallen Erkenntnisse, die jenseits der Sphäre empirischer Tatsachenbeobachtung als Ergebnis eines rationalen Denkprozesses gewonnen werden, nicht unter diesen Begriff.“
Schockenhoff zitiert dazu McDowell, der in dem Aufsatz „Ästhetischer Wert, Objektivität und das Gefüge der Welt“ (erschienen im Essayband Wert und Wirklichkeit, 2002) den Unterschied zwischen wissenschaftlich und szientistisch markiert:
„Wollte man den Status dieser Weltsichten mit der Begründung anzweifeln, sie seien nicht wissenschaftlich, so entspränge das keiner wissenschaftlichen, sondern einer szientistischen Motivation.“
Schockenhoff nimmt diesen Gedanken auf und fährt fort:
„Sollen Fragen der praktischen Lebensorientierung nur dann als rational entscheidbar gelten, wenn sie nach dem Methodenideal empirischer Naturerkenntnis beantwortet werden können, so liefe eine solche Forderung auf einen Kategorienfehler hinaus: Sie verwechselt die epistemologischen Voraussetzungen, die der jeweiligen Wirklichkeitssphäre angemessen sind und begeht dadurch den logischen Fehlschluss, der schon mehrfach als Irrtum einer naturalistischen Weltanschauung herausgestellt wurde.“
Wichtig ist: Der Naturalismus ist eine Weltanschauung. Und mit der kann man falsch liegen, auch wenn die empirische Forschung im Rahmen ihrer speziellen techné gute Ergebnisse liefert. Denn ob diese auch moralisch gut sind, entscheidet ein anderer Diskurs, der nach anderen Regeln stattfinden muss. Die Suche nach der angemessenen Methodik ist eine Gemeinschaftsaufgabe aller Menschen. Sie allein den Wissenschaftlern zu überlassen, hieße, wie Schockenhoff zeigt, dem naturalistischen Fehlschluss den Boden zu bereiten.