Es gibt Mahnungen und Warnungen, die uns so in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken, ob sie noch in irgend einer Weise angemessen sind. Man hat sie akzeptiert, in sein Weltbild integriert und plappert sie gedankenlos nach – zumindest solange einen nicht ein komisches Gefühl beschleicht, solange sich nicht eine innere Stimme zu Wort meldet und Zweifel anmeldet: Stimmt das wirklich? Wer sagt denn das? Gibt es dafür Belege?

Eine dieser Warnungen ist die, dass der Kreationismus eine Gefahr sei. Doch auch hier meldet sich, je öfter sie wiederholt wird, die innere Stimme, die sich Gehör erzwingt: Wirklich? Worin genau besteht denn die Gefahr? Und da die Warnung in der Tat stets recht nebulös bleibt, sich dazu noch in einem so grotesken Widerspruch zur Alltagserfahrung befindet (die meisten Kreationisten machen einen friedlichen Eindruck) und deshalb nicht besonders glaubhaft ist, lässt sich die innere Stimme nicht mehr ignorieren.

Also begibt man sich auf die Suche nach einer Antwort, nach Hinweisen, die die innere Stimme zum Schweigen bringen können. Man wird fündig bei Paul F. Lurquins und Linda Stones Evolution and Religious Creation Myths. How Scientists Respond (Oxford/New York 2007), in dessen letztem Kapitel „The Dangers of Creationism“ (S. 179-194) genau diese Frage behandelt wird.

Lurquin und Stone fragen einleitend:

„Why then do creationists and ID believers think they are entitled to exercise censorship in the science classroom? And what are the potential consequences of this attitude? We address these questions in what follows, in the form of a few vignettes.“ (S. 179)

Leider erfüllen sie die Erwartung des von seiner inneren Stimme genervten Lesers nicht. Die acht „vignettes“ enthalten nur wenige Hinweise auf irgend ein Gefahrenpotential. Stattdessen lassen sich Lurquin und Stone über die Finanzierung des Discovery Instituts aus, kolportieren die bekannten Legenden über Galilei und lamentieren über das Unvermögen der eigenen Zunft zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit.

Es gibt lediglich drei Stellen, die sich mit der Frage nach den Gefahren durch den Kreationismus zu beschäftigen scheinen. Im Abschnitt über „Political Ramifications“ heißt es:

„The point is more about whether creationists are objective allies of those who promote particular societal and political trends in the United States, trends that run the risk of swaying our country in an antiscientific, theocratic direction for the long run. This indeed seems to be the happening with the U.S. government of the early twenty-first century.“ (S. 180)

Es geht also darum, dass Kreationisten versuchen könnten, den wissenschaftlichen Fortschritt zum Erliegen zu bringen und in den USA eine Art Taliban- oder Mullah-Herrschaft à la Afghanistan oder Iran zu errichten. In eine ähnliche Richtung geht wohl auch das Szenario, das Lurquin und Stone für den Wissenschaftsbetrieb allgemein ausmalen:

„Let us now assume for a minute that our country veers more toward Christian fundamentalism and its mutual ally, creationism. Combine this with the much longer screening process for issuing U.S. visas – a result of the 9/11 catastrophe – and the perception of the United States now being a belligerent nation trying to force its values on other nations. What do you think will be the effect of this on international students and scientists? They may no longer be too interested in coming over and might opt for Europe, Canada, or Australia instead. The negative consequences of this would be incalculable; the United States might see its prominence in science wane away.“ (S. 187)

In ihren „Conclusions“ schließlich erinnern sie an die ideologisch motivierte Ablehnung der Mendelschen Genetik durch Stalin, weshalb sie in der UdSSR nicht gelehrt werden durfte. Dass sich derartiges wiederhole, müsse man verhindern.

Droht den USA (bzw. den Staaten der westlichen Welt) die Errichtung einer Theokratie, die wissenschaftliche Erkenntnisse per Gesetz unterdrückt? Auch ein eingefleischter Antikreationist wird nach der Lektüre des Buches zugeben müssen, dass diese Gefahr als eher gering einzuschätzen ist. Wer sie heraufziehen sieht, müsste schon ein paar konkrete Hinweise präsentieren, aus denen sich z.B. der Plan einer Machtübernahme durch kreationistische Putschisten herauslesen lässt. Es reicht jedenfalls nicht, wie Lurquin und Stone es tun, sich bloß auf ein Strategiepapier aus dem Discovery Institute zu beziehen, das sich nicht wirklich von zahllosen anderen derartiger Papiere unterscheidet, die tagtäglich von irgendwelchen Polit-Bürokraten in der ganzen Welt verfasst werden.

Dass die Gefahr nicht allzu groß sein kann, darauf weisen Lurquin und Stone sogar selbst hin. Den in den Literaturwissenschaften verbreiteten postmodernen Ansatz, wonach alles nur „Text“ ist bzw. eine „Geschichte“, weil es keine Wahrheit oder wenigstens intersubjektiv nachprüfbare Tatsachenbehauptungen gibt, rücken sie in die Nähe ihrer Hauptfeinde: „This is exactly what Christian fundamentalists also proclaim!“ (S. 183) Aber dann, wenden sie ein, müsste man diesen Ansatz doch auch auf Kreationismus und ID anwenden dürfen, oder? Und außerdem ist er „highly factionalized“ und deshalb schwach (S. 193).

Am Ende ist der Fall klar: Nicht nur ist es Lurquin und Stone nicht gelungen plausibel zu machen, weshalb Kreationismus eine Gefahr sein könnte. Die Antwort auf die Frage, die einen so beunruhigt hat, kann nur lauten: Es gibt keine Gefahr. Die innere Stimme hat mal wieder Recht gehabt.