Martin Lürßen aus Erlangen schreibt in einer Leserzuschrift an die Wochenzeitung „Freitag“ (11. Juli 2008):

„Jedem, der diese Thematik auch nur ansatzweise verfolgt hat, ist auch das ‚Wedge’-Strategiedokument der Kreationisten bekannt, und damit auch, das es sich bei Kutscheras Befürchtungen keineswegs um ‚Verschwörungstheorien’ handelt. Sondern vielmehr um eine handfeste, gut belegbare Strategie der Kreationisten, um ihre Glaubensinhalte mit dem Image der ‚Wissenschaftlichkeit’ zu versehen und so in Schulen und Gesellschaft zu platzieren.“

Da ist sie wieder: die „Wedge-Strategie“. Im Internet hat sie eine durchaus beachtliche Karriere an den Tag gelegt. Nach allem, was man darüber weiß, scheint es irgendwie schlimm zu sein. So klingt es zumindest. Doch wie es häufig so ist: Vermeintlich gesichertes Wissen verflüchtigt sich, sobald man mehr darüber erfahren will. Im vorliegenden Fall ist es ganz genauso. Das „Wedge-Dokument“ – jeder kennt es, hat zumindest davon gehört, aber irgendwie kann man es nicht fassen. Grund genug zu fragen, was das Wedge-Dokument ist und was es mit dieser „Strategie“ auf sich hat.

  • Ein „fundraising proposal“

Das Wedge-Dokument des Center for Renewal of Science and Culture (CRSC) (heute: Center for Science and Culture, CSC) von 1998 enthält zum ersten eine Bestandsaufnahme der geistigen Situation der Zeit, zum zweiten die Vorhaben, mittels derer die beschriebenen Fehlentwicklungen korrigiert werden können, und drittens eine Aufzählung bisheriger Aktivitäten (was an dieser Stelle nicht interessiert). Das Dokument ist keine Fälschung, schließlich haben sich der als Urheber der Wedge-Strategie bekannte Phillip Johnson als auch das Discovery Institute, zu dem das CRSC/CSC gehört, darauf bezogen.

Zuerst weisen die Autoren darauf hin, dass die Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen einer der Grundpfeiler abendländischen Denkens und der westlichen Zivilisation sei. Doch im Gefolge der Arbeiten von Charles Darwin, Karl Marx und Sigmund Freud sei diese Idee zurückgedrängt worden. In der materialistischen Sicht sei der Mensch eine Maschine bzw. ein Tier, das von den blinden Kräften der Natur gesteuert werde. Folgerichtig dementierten Materialisten die Existenz objektiver moralischer Standards. Eine Einstellung, die sich in zahlreichen Lebensbereichen breitgemacht hätte: Ob es nun um Kriminalpolitik gehe, um Produkthaftung oder den Sozialstaat – überall gebe es im materialistischen Menschenbild nur Opfer, niemand sei selbst verantwortlich. Im Ergebnis führe diese Sicht dazu, dass der Staat die Bevölkerung gewaltsam in eine utopische Gesellschaft zwängen wolle.

Das CRSC hält mit seinem Konzept dagegen und beschreibt es so:

„Discovery Institute’s Center for the Renewal of Science and Culture seeks nothing less than the overthrow of materialism and its cultural legacies. Bringing together leading scholars from the natural sciences and those from the humanities and social sciences, the Center explores how new developments in biology, physics and cognitive science raise serious doubts about scientific materialism and have re-opened the case for a broadly theistic understanding of nature. The Center awards fellowships for original research, holds conferences, and briefs policymakers about the opportunities for life after materialism.“

Erreicht werden soll dieses Ziel mittels eines 20-Jahres-Programms, das in drei Phasen unterteilt ist. Phasen I und II sind auf fünf Jahre angelegt (1999-2003), in denen vor allem wissenschaftlich geforscht und publiziert werden soll. Es geht den Autoren nicht darum, eine große Zahl an Publikationen zu veröffentlichen, sondern man will sich die schwächste Stelle des Materialismus aussuchen und dort den „Keil“ hineintreiben. Und da man als Wurzel der genannten Probleme den wissenschaftlichen Materialismus identifiziert hat, setzt man hier an. „Solid scholarship, reasearch and argument“ sollen die Waffen sein, mit denen man in den Kampf ziehen will. Parallel soll versucht werden, die Ergebnisse der Forschungen öffentlich zur Diskussion zu stellen. In Phase III, so der Plan, sollen die etablierten materialistischen Theorien offensiv herausgefordert werden, sowohl im akademischen Betrieb als auch in den Schulverwaltungen. Auf lange Sicht strebt man an, den Materialismus als vorherrschende Weltanschauung abzulösen und durch die Theorie des Intelligent Design zu ersetzen.

  • „to get a fair hearing“

Keine Frage: Die Autoren des Wedge-Dokuments hauen ordentlich auf den Putz. Ihr Anliegen ist nichts weniger als die Ablösung des die westlichen Zivilisationen dominierenden materialistischen Weltbildes durch ein theistisches. Und für das Erreichen dieses Ziels legen sie einen Zeitkorridor von gerade einmal zwanzig Jahren fest. Sie greifen nach den Sternen, aber ihr Horizont bleibt recht irdisch. Man kann das naiv nennen oder hybrisch; beides erscheint auf den ersten Blick nicht falsch.

Auf den zweiten Blick indes wird klar, dass kein Anlass besteht, über das Ziel und den Weg, es zu erreichen, zu lächeln. Denn die Analyse ist – bei aller Kürze – zutreffend, und der vorgeschlagene Lösungsweg ist pragmatisch. Doch dass sowohl das Ziel als auch der Zeitraum viel zu ehrgeizig formuliert sind und erkennbar utopisch, ist nicht so wichtig. Das Dokument atmet eine Mischung aus Bodenhaftung (man will den Erfolg noch zu Lebzeiten genießen) und motivierender Utopie (Sturz des materialistischen Weltbildes). Beides zusammen macht die Stärke des Dokuments aus.

Was die Autoren über den Materialismus sagen, ist zutreffend. Die Anhänger Darwins, Marxens und Freuds reduzieren den Menschen auf eine Maschine (bzw. ein Tier), und diese Reduktion hat – je nach geschichtlichem Zusammenhang – handfeste Folgen. Die Verbrechen, die im Namen der Wissenschaft oder der Natur begangen worden sind, sind Legion. Ob man dagegen Sozialstaatskritik und andere politischen Auseinandersetzungen in einen direkten Zusammenhang zum materialistischen Weltbild rücken sollte, steht auf einem anderen Blatt. Hier wären detailliertere Ableitungen nötig gewesen, um zu überzeugen.

Ganz bestimmt dokumentiert das „fundraising proposal“ (DI) aber nicht eine Verschwörung. Es ist auch an keiner Stelle davon die Rede, dass die Naturwissenschaften abgeschafft werden und eine Theokratie errichtet werden soll. Was Biologielehrer Mark Terry über das Dokument sagt –

„if the first dangerous weed, modern science, can be removed from the garden, your area will be ripe for replanting as well“

– ist blanker Unsinn. Das Gegenteil ist richtig: Das Dokument ruft zu wissenschaftlicher Forschung auf, mit deren Ergebnissen man von der Überlegenheit des eigenen Weltbildes überzeugen möchte. Deshalb fordert Johnson:

„To put things on a more rational basis, the first thing that has to be done is to get the Bible out of the discussion. Too many people, including journalists, have seen the movie „Inherit the Wind“ and have become convinced that everyone who questions Darwinism must want to remove the microscopes and textbooks from the biology classrooms and just read the book of Genesis to the students. It is vital not to give any encouragement to this prejudice, and to keep the discussion strictly on the scientific evidence and the philosophical assumptions. This is not to say that the biblical issues are unimportant; the point is rather that the time to address them will be after we have separated materialist prejudice from scientific fact.“

Im Kern geht es den Verfassern darum, zwischen einem Weltbild bzw. einer Philosophie und wissenschaftlichen Tatsachen zu trennen. Ihr – berechtigter – Vorwurf an die Darwinisten lautet, dass sie nicht bereit sind, diese Unterscheidung zu akzeptieren. Deshalb will Johnson hier den „Keil“ ansetzen und diese Verschränkung entlarven:

„Once it becomes clear that the Darwinian theory rests upon a dogmatic philosophy rather than the weight of the evidence, the way will be open for dissenting opinions to get a fair hearing. In a nutshell, that is the Wedge strategy.“ (Johnson)

Dass Religion auf Seiten der ID-Theoretiker eine Rolle spielt, versteht sich fast von selbst. Kritik am Materialismus dürfte in der Regel – es mag Ausnahmen geben – theistisch inspiriert sein. Die Verfechter der Wedge-Strategie geben dies freimütig zu. Und sie weisen – vollkommen zu Recht – darauf hin, dass man Kritik seriöserweise nur an einer Sache übt, aber nicht an der Motivation, mit der man eine Sache betreibt. Jeder zieht seine Energie aus einer anderen Motivation: Die ID-Theoretiker aus ihrem Glauben, die Materialisten aus ihrem Nicht-Glauben. Je weniger die Letztgenannten dies zu akzeptieren bereit sind, desto plausibler wird die Kritik der ID-Theoretiker und ihre Wedge-Strategie.