Ich stehe im Buchladen und entdecke das neueste Buch von Ulrich Kutschera, „Tatsache Evolution“. Prüfendes Tasten, erstes Blättern, Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses. Da – „Der Politologe, sein Kantor und die verborgene Welt der Mikroben“! Das klingt interessant, schließlich bin ich auch Politologe. Was Kutschera wohl über diesen Politologen zu sagen hat? Nicht viel, wie sich schnell herausstellt. Er berichtet nur, dass er am 31. Juli 2007 „ein ausführliches ‚Anti-Kutschera-Schreiben’, in welchem u.a. der populäre Satz ‚Evolution ist nur eine Theorie’ in verschlüsselter Form enthalten war“, erhalten habe. Auf Seite 286 zitiert er aus dem Schreiben dieses Politologen:

„‚Problematisch ist vielmehr der (von Ihnen propagierte) Anti-Kreationismus, der seine quasi-religiösen Strukturen nur noch schwer verstecken kann. Zwar steht die Evolutionstheorie auf recht sicherem Fundament; das bezweifeln nur die wenigsten. Doch kann man deshalb behaupten, sie sei eine Tatsache, wie das viele ihrer Befürworter tun? Eine maßlose Behauptung mit Folgen. Erst dieser Dogmatismus nämlich, der Anspruch, dass die Theorie jedweder Diskussion entzogen ist, eröffnet den Raum für kreationistisches Gedankengut und ganz allgemein für alle, die den Absolutheitsanspruch der Evolutionstheorie zurückweisen.’“

Dieses Zitat kommt mir bekannt vor, habe ich doch vor einiger Zeit in der Politischen Meinung einen Artikel veröffentlicht, in dem desgleichen steht. Redet Kutschera etwa von mir? Er nennt keinen Namen, es könnte sich also auch um einen anderen handeln. Außerdem habe ich nie ein „Politologen-Protestschreiben“ verfasst, schon gar nicht an Kutschera, und „… in ähnlicher Form inzwischen im Internet publiziert“ (S. 288) habe ich es natürlich auch nicht. Besagter Kantor ist mir zudem völlig unbekannt. Ich eile also nach Hause, um zu überprüfen, was es mit dem Zitat auf sich hat.

  • Was geht hier vor?

Ein Blick in meinen Artikel in der Politischen Meinung bringt Merkwürdiges zutage. Dort steht auf Seite 58:

„Problematisch ist vielmehr der Anti-Kreationismus, der seine quasi-religiösen Strukturen nur noch schwer verstecken kann. Zwar steht die Evolutionstheorie auf recht sicherem Fundament; nur wenige bezweifeln dies. Doch kann man deshalb behaupten, sie sei ‚eine Tatsache’, wie das viele ihrer Befürworter tun? Das ist eine maßlose folgenreiche Behauptung. Denn dieser Dogmatismus, der Anspruch, dass die Theorie jedweder Diskussion entzogen ist, eröffnet den Raum für kreationistisches Gedankengut und ganz allgemein für alle, die den Absolutheitsanspruch der Evolutionstheorie zurückweisen.“

Also doch: Kutschera zitiert mich, wie ich einigermaßen verblüfft feststellen muss. Aber ganz offensichtlich zitiert er aus einer Fassung des Artikels, die noch nicht redigiert worden ist. Darüber hinaus versucht er den Eindruck zu erwecken, ich hätte den Text an mehrere Empfänger geschickt, darunter auch an Kutschera. Daran kann ich mich nicht erinnern.Was geht hier vor, frage ich mich. Abgesehen davon, dass ich mich durch diese Insinuation verleumdet fühle, interessiert mich jetzt vor allem, auf welchem Wege Kutschera an ein unveröffentlichtes Manuskript von mir gelangt ist.

  • Zwei Möglichkeiten

Nachforschungen auf meinem Computer ergeben, dass ich den Artikel im Sommer 2007 nacheinander mehreren Zeitschriften zur Veröffentlichung angeboten habe. Einer der Empfänger des Manuskripts, also ein Redakteur, muss es an Kutschera weitergeleitet haben. Das ist die eine Sache. Die andere – und interessantere – ist, wie Kutschera den Text aufgefasst und verarbeitet hat. Seine etwas konfusen Ausführungen im Buch lassen zwei Möglichkeiten plausibel erscheinen.

Entweder glaubte er, der Text sei tatsächlich an ihn persönlich gerichtet gewesen. „… erhielt ich wieder einmal ein ausführliches ‚Anti-Kutschera-Rundschreiben’ …“, notiert er. Nach allem, was über Kutschera bekannt ist, wähnt er sich an vorderster Front im Kampf gegen den ach so gefährlichen Kreationismus. Diese absurde Prämisse seines gegenwärtigen Schaffens deutet darauf hin, dass er sich langsam, aber sicher von der realen Welt isoliert. Eine solche Isolation geht häufig einher mit dem Verlust des Urteilsvermögens; die Gedanken des Betroffenen kreisen um sich selbst; sämtliche Phänomene werden so gedeutet, dass sie zur Prämisse passen. Wenn das so wäre, müsste man sich wirklich Sorgen um ihn machen, denn das würde bedeuten, dass er ernsthaft erkrankt ist.

Oder aber Kutschera bemerkte, dass er nicht der Adressat meiner E-Mail war, sondern der Unbekannte in seiner Funktion als Redakteur der von mir angeschriebenen Zeitschrift, und dass dieser den Text illegal an ihn weitergeleitet hatte. Wie aber das auf unredliche Weise erhaltene Material verwerten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen? Kutschera fand eine clevere Lösung: Er fügte einfach ein vermeintlich erläuterndes „(von Ihnen propagierte)“ in den Text ein, damit der Leser den Eindruck erhält, es habe sich um ein öffentliches Rundschreiben gehandelt. Mit dieser Manipulation konnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: eineinhalb Seiten seines neuen Buches füllen und mich öffentlich bloßstellen, ohne meinen Namen zu nennen.

Die zweite Möglichkeit erscheint als die wahrscheinlichere, und sie wirft kein gutes Licht auf die Arbeitsweise von Kutschera. Als Professor kennt er die wissenschaftliche Methode und den Wissenschaftsbetrieb aus dem Effeff. Er kann auf eine lange und durchaus ansehnliche Karriere zurückblicken. Doch wenn es ein gestandener Wissenschaftler im Alter von zweiundfünfzig Jahren (Kutschera wurde 1955 geboren) nötig hat, derartige Manipulationen vorzunehmen, wird man annehmen müssen, dass es nicht die erste war. Hat er es etwa auch an anderer Stelle mit der Wahrheit nicht so genau genommen? Gegen den Vorwurf, er beanspruche den Ruhm der Erstbeschreibung einer Egelart zu Unrecht für sich, hat sich Kutschera verwahrt. Doch wie glaubwürdig ist seine Versicherung, korrekt gehandelt zu haben?

  • Zu allem fähig?

Kutscheras Pose ist schon immer hohl gewesen. Er ist eitel und selbstgerecht. Austeilen kann er gut, einstecken eher nicht. Er glaubt, einen höchst bedeutsamen Kampf für die wahre Wissenschaft zu führen, aber eigentlich geht es ihm nur um seine persönliche Weltanschauung, die er mit Wissenschaft verwechselt. Wie er mit meinem Manuskript umgegangen ist, ist eine Unverschämtheit. Aber die Angelegenheit hat auch etwas Gutes: Man sieht, mit welchen Methoden er arbeitet, und ahnt, zu was er noch alles fähig ist. Deshalb wird man gut daran tun, ihn im Auge zu behalten und alle seine Äußerungen genau auf Verdrehungen, Auslassungen und Hinzufügungen zu prüfen.

Ach ja: Wer ist eigentlich „der Kantor“? Bitte melden!