Wenn mir jemand etwas Gutes tun will, bin ich immer misstrauisch. Vor allem, wenn ich von diesem Jemand alles andere erwartet hätte als wohlmeinenden Rat. Misstrauisch bin ich außerdem immer dann, wenn ein Naturwissenschaftler der katholischen Kirche etwas Gutes tun will. Vor allem wenn es sich um einen Naturwissenschaftler handelt, der sich den Kampf gegen „den Kreationismus“ auf die Fahnen geschrieben hat. Reinhold Leinfelder ist so ein Naturwissenschaftler, der der katholischen Kirche jetzt ungefragt Ratschläge erteilt.

  • Mein Gott, der Papst!

Über seine Gründe, sich der katholischen Kirche anzunehmen, schreibt Reinhold Leinfelder in seinem Blog:

„Die Ex-Exkommunizierung von vier extrem rechtskonservativen Bischöfen der Piusbruderschaft durch den Papst ist auch für die Diskussion zwischen Naturwissenschaften und Kirchen ein echter GAU, denn die Piusbruderschaft vertritt offensichtlich auch offen einen die Bibel wörtlich auslegenden Kreationismus.“

Wir erinnern uns: Anfang des Jahres hat die liberale Öffentlichkeit mal wieder empört aufgeschrieen. Mal wieder ging es um den Papst, mal wieder hatte er etwas ganz, ganz schreckliches gesagt, getan oder gedacht. Doch was hatte der Papst wieder verbrochen, dass sogar die Kanzlerin sich bemüßigt fühlte, ihn öffentlich zu tadeln – und zwar in Gegenwart einer so erlauchten Persönlichkeit wie Nursultan Abischewitsch Nasarbajew, dem Präsidenten Kasachstans? Hatte der Papst einen Staatsstreich unternommen? Hatte er Journalisten ins Gefängnis werfen und Dissidenten foltern lassen? Hatte man ihn der Korruption überführt?

Nichts dergleichen! Unterdrückung der Opposition und Korruption ist Typen wie Nasarbajew vorbehalten und wird nicht öffentlich angeprangert. Der Papst hingegen hatte lediglich die Exkommunikation von vier gültig, aber kirchenrechtlich gesehen illegal geweihten Bischöfen der Piusbruderschaft zurückgenommen, um ihnen den Weg zurück in die Kirche zu erleichtern. Man könnte meinen, dass es sich um eine – ziemlich kontroverse, wie man erwähnen muss – interne Angelegenheit handelte, für die sich Nicht-Katholiken nicht zu interessieren brauchen, weil sie sie nicht betrifft. Außerdem ist diese Angelegenheit so speziell, dass nicht einmal Katholiken genaueres darüber wissen.

Merkel hatte auch keine Ahnung, aber das brauchte sie auch nicht. Ihr und allen anderen reichte es vollkommen aus, dass einer der betreffenden Bischöfe, Richard Williamson, kurz vorher mit geschichtspolitischen Äußerungen vernommen worden war, die – gelinde gesagt – nicht satisfaktionsfähig und insgesamt ziemlich widerlich sind. Was das mit der Rücknahme der Exkommunikation zu tun hatte? Nichts. Aber die Journaille tat nun so, als habe der Papst besagten Bischof wegen dieser Ansichten rehabilitiert – ein absurder Vorwurf, denn geschichtspolitische Ansichten interessieren die Kurie in einer theologischen Frage wie dieser herzlich wenig. Aber das war der Journaille egal, und der Sturm der Entrüstung war so heftig, dass sich sogar Merkel aus der Deckung wagen konnte, um sich mit dem ihr eigenen sicheren Gespür für das, was die Stunde geschlagen hat, an die Spitze des Protests zu stellen.

  • Surfen auf der Erregungswelle

Und jetzt kommt im Nachgang zu dieser Erregungswelle Leinfelder daher, weil er entdeckt hat, dass bei der Piusbruderschaft offensichtlich der Darwinismus nicht das vorherrschende Paradigma ist. Die Piusbruderschaft war Leinfelder vor dem unberechtigten Geschrei wegen der Causa Williamson vermutlich völlig unbekannt. Aber da man ja nie weiß, ob sich nicht doch ein wenig Kapital aus dem innerkirchlichen Konflikt schlagen lässt, guckte er eben mal, was auf deren Homepage so alles zu lesen ist. Und was musste er da feststellen? Kreationistisches Gedankengut! Leinfelders messerscharfe Schlussfolgerung: Der Papst rehabilitiert nicht nur Nazis, sondern auch Kreationisten!!!

Unter den Antikreationisten ist Leinfelder einer der höflichsten. Zu seinem Stil gehört es nicht, schrille Warnungen vor dem Untergang des Abendlandes auszustoßen oder sich in abstoßenden Ausfällen gegen bestimmte Wissenschaftler zu ergehen, die er für Kreationisten hält. Nein, Leinfelders Art ist es, väterlich-besorgt die Stimme zu erheben, natürlich immer zum Wohle desjenigen, der aus der Bahn zu geraten droht. Und das ist in diesem Fall der Papst und die katholische Kirche. Für Leinfelder ist da noch nicht alles verloren, wie man seinem wohlwollenden Kommentar über die kirchliche Basis entnehmen kann, die schon Vernunft angenommen hat und damit dem Papst voraus ist:

„Erfreulich erscheinen mir die vehementen Reaktionen katholischer Geistlicher gegen diese Rehabilitierung der Lefebvre-Sekte durch den Papst, aber die katholische Kirche wird es wieder schwerer haben, deutlich zu machen, dass sie am Top und in den Außenrändern nicht kreationistisch ist. Schade, der Sache wegen. Bleibt nur zu hoffen, dass die katholische Kirche im Darwin-Jahr möglichst rasch unmissverständlich klar macht, dass sie auch weiterhin keinerlei Probleme mit der Akzeptanz der Evolutionswissenschaften hat. Über alles andere würden sich insbesondere die Kreationisten freuen, und ihre die Keilstrategie zur Spaltung der Gesellschaft würde ein Stück weiter aufgehen.“

Wenn sich Leinfelder mit seiner Einschätzung mal nicht irrt. Erstens ist das, was die Piusbrüder zur Evolutionstheorie zu sagen haben, innerhalb der katholischen Kirche durchaus wohlgelitten. Und zweitens findet auch Leinfelder nicht nur schlechtes auf deren Homepage; er zitiert sie:

„Man sieht auch: Die katholische Kirche stellt sich nicht gegen die wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse. Die Kirche betont auch immer: Der Glaube widerspricht niemals der Vernunft! Die Kreationisten, die es vor allen in manchen evangelikalen Kreisen gibt, halten sich dagegen exakt an den wörtlichen Verlauf des Schöpfungsberichtes und nutzen ihn als wissenschaftlichen Bericht. Hier war die katholische Kirche schon immer zurückhaltender und freier. So warnt bereits der hl. Augustinus seine Gläubigen, den christlichen Glauben nicht durch eine unhaltbar buchstäbliche (äußerliche) Deutung des Schöpfungsberichtes dem Spott der Ungläubigen auszusetzen.“

Aber das passt natürlich nicht ganz zu Leinfelders Botschaft. Glücklicherweise findet er auch noch Aussagen, in denen der Darwinismus skeptisch kommentiert wird, und islamkritische Bemerkungen. Deshalb kann er folgern:

„Sieht fast so aus, als wolle man die Holocaust-Leugnung nun mit einem Angriff auf den Islam wettmachen? Allerdings ist schon länger bekannt, dass die Bruderschaft nicht nur antisemitisch, sondern auch islamfeindlich ist. Die katholische Kirche wäre m.E. gut beraten, die Pius-Bruderschaft komplett auszuschließen, das würde ihren Anspruch, dass Glaube und Vernunft vereinbar seien, doch deutlich unterstreichen. Vernünftig ist an den Haltungen der Pius-Bruderschaft nämlich überhaupt nichts.“

Holocaust-Leugnung ist schlimmer als Kreationismus, wie Leinfelder zugeben muss, aber:

„ … der Rest der Piusbruderschaft ist meines Erachtens ebenfalls nicht kompatibel mit einer modernen Kirche, die in einer säkularen Welt beheimatet ist. Weltanschaulich sind sie im Mittelalter stehen geblieben. Bleibt zu hoffen, dass der Vatikan, bei aller Toleranz, die sich für alle weltanschaulichen Gruppen anbietet, hier dennoch die notwendigen Grenzen zieht. Nur dann wird der Papst die katholische Kirche zusammenhalten können.“

  • Würden Sie sich bitte selbst auflösen? Herzlichen Dank!

Wie kommt Leinfelder dazu, der katholischen Kirche solche Tipps zu geben? Leinfelder will, dass der Papst, die katholische Kirche vor ihm kuscht. Sie soll Abbitte leisten und am besten ganz verschwinden. Um nichts anderes geht es, wenn von einer „modernen Kirche“ oder ähnlichem die Rede ist. „Modern“ ist die Kirche nämlich nur dann, wenn sie anstatt Gott Darwin anbetet bzw. wenn sie nicht mehr existiert. Um den gewünschten Prozess der Selbstauflösung zu beschleunigen, muss die Kirche sturmreif geschossen werden, und dazu ist kein Vorwurf dämlich genug. Weder der, der Papst rehabilitiere Antisemiten, noch der, der Papst rehabilitiere Kreationisten. Und das nächste Ass hat Leinfelder auch schon im Ärmel: Islamophobie. Im Grunde unterscheidet sich seine Haltung zur Kirche nicht grundsätzlich von der seiner Gesinnungsgenossen wie Ulrich Kutschera. Lediglich sein Ton ist ein bisschen konzilianter.