Wenn mir jemand etwas Gutes tun will, bin ich immer misstrauisch. Vor allem, wenn ich von diesem Jemand alles andere erwartet hätte als wohlmeinenden Rat. Misstrauisch bin ich außerdem immer dann, wenn ein Naturwissenschaftler der katholischen Kirche etwas Gutes tun will. Vor allem wenn es sich um einen Naturwissenschaftler handelt, der sich den Kampf gegen „den Kreationismus“ auf die Fahnen geschrieben hat. Reinhold Leinfelder ist so ein Naturwissenschaftler, der der katholischen Kirche jetzt ungefragt Ratschläge erteilt.
- Mein Gott, der Papst!
Über seine Gründe, sich der katholischen Kirche anzunehmen, schreibt Reinhold Leinfelder in seinem Blog:
„Die Ex-Exkommunizierung von vier extrem rechtskonservativen Bischöfen der Piusbruderschaft durch den Papst ist auch für die Diskussion zwischen Naturwissenschaften und Kirchen ein echter GAU, denn die Piusbruderschaft vertritt offensichtlich auch offen einen die Bibel wörtlich auslegenden Kreationismus.“
Wir erinnern uns: Anfang des Jahres hat die liberale Öffentlichkeit mal wieder empört aufgeschrieen. Mal wieder ging es um den Papst, mal wieder hatte er etwas ganz, ganz schreckliches gesagt, getan oder gedacht. Doch was hatte der Papst wieder verbrochen, dass sogar die Kanzlerin sich bemüßigt fühlte, ihn öffentlich zu tadeln – und zwar in Gegenwart einer so erlauchten Persönlichkeit wie Nursultan Abischewitsch Nasarbajew, dem Präsidenten Kasachstans? Hatte der Papst einen Staatsstreich unternommen? Hatte er Journalisten ins Gefängnis werfen und Dissidenten foltern lassen? Hatte man ihn der Korruption überführt?
Nichts dergleichen! Unterdrückung der Opposition und Korruption ist Typen wie Nasarbajew vorbehalten und wird nicht öffentlich angeprangert. Der Papst hingegen hatte lediglich die Exkommunikation von vier gültig, aber kirchenrechtlich gesehen illegal geweihten Bischöfen der Piusbruderschaft zurückgenommen, um ihnen den Weg zurück in die Kirche zu erleichtern. Man könnte meinen, dass es sich um eine – ziemlich kontroverse, wie man erwähnen muss – interne Angelegenheit handelte, für die sich Nicht-Katholiken nicht zu interessieren brauchen, weil sie sie nicht betrifft. Außerdem ist diese Angelegenheit so speziell, dass nicht einmal Katholiken genaueres darüber wissen.
Merkel hatte auch keine Ahnung, aber das brauchte sie auch nicht. Ihr und allen anderen reichte es vollkommen aus, dass einer der betreffenden Bischöfe, Richard Williamson, kurz vorher mit geschichtspolitischen Äußerungen vernommen worden war, die – gelinde gesagt – nicht satisfaktionsfähig und insgesamt ziemlich widerlich sind. Was das mit der Rücknahme der Exkommunikation zu tun hatte? Nichts. Aber die Journaille tat nun so, als habe der Papst besagten Bischof wegen dieser Ansichten rehabilitiert – ein absurder Vorwurf, denn geschichtspolitische Ansichten interessieren die Kurie in einer theologischen Frage wie dieser herzlich wenig. Aber das war der Journaille egal, und der Sturm der Entrüstung war so heftig, dass sich sogar Merkel aus der Deckung wagen konnte, um sich mit dem ihr eigenen sicheren Gespür für das, was die Stunde geschlagen hat, an die Spitze des Protests zu stellen.
- Surfen auf der Erregungswelle
Und jetzt kommt im Nachgang zu dieser Erregungswelle Leinfelder daher, weil er entdeckt hat, dass bei der Piusbruderschaft offensichtlich der Darwinismus nicht das vorherrschende Paradigma ist. Die Piusbruderschaft war Leinfelder vor dem unberechtigten Geschrei wegen der Causa Williamson vermutlich völlig unbekannt. Aber da man ja nie weiß, ob sich nicht doch ein wenig Kapital aus dem innerkirchlichen Konflikt schlagen lässt, guckte er eben mal, was auf deren Homepage so alles zu lesen ist. Und was musste er da feststellen? Kreationistisches Gedankengut! Leinfelders messerscharfe Schlussfolgerung: Der Papst rehabilitiert nicht nur Nazis, sondern auch Kreationisten!!!
Unter den Antikreationisten ist Leinfelder einer der höflichsten. Zu seinem Stil gehört es nicht, schrille Warnungen vor dem Untergang des Abendlandes auszustoßen oder sich in abstoßenden Ausfällen gegen bestimmte Wissenschaftler zu ergehen, die er für Kreationisten hält. Nein, Leinfelders Art ist es, väterlich-besorgt die Stimme zu erheben, natürlich immer zum Wohle desjenigen, der aus der Bahn zu geraten droht. Und das ist in diesem Fall der Papst und die katholische Kirche. Für Leinfelder ist da noch nicht alles verloren, wie man seinem wohlwollenden Kommentar über die kirchliche Basis entnehmen kann, die schon Vernunft angenommen hat und damit dem Papst voraus ist:
„Erfreulich erscheinen mir die vehementen Reaktionen katholischer Geistlicher gegen diese Rehabilitierung der Lefebvre-Sekte durch den Papst, aber die katholische Kirche wird es wieder schwerer haben, deutlich zu machen, dass sie am Top und in den Außenrändern nicht kreationistisch ist. Schade, der Sache wegen. Bleibt nur zu hoffen, dass die katholische Kirche im Darwin-Jahr möglichst rasch unmissverständlich klar macht, dass sie auch weiterhin keinerlei Probleme mit der Akzeptanz der Evolutionswissenschaften hat. Über alles andere würden sich insbesondere die Kreationisten freuen, und ihre die Keilstrategie zur Spaltung der Gesellschaft würde ein Stück weiter aufgehen.“
Wenn sich Leinfelder mit seiner Einschätzung mal nicht irrt. Erstens ist das, was die Piusbrüder zur Evolutionstheorie zu sagen haben, innerhalb der katholischen Kirche durchaus wohlgelitten. Und zweitens findet auch Leinfelder nicht nur schlechtes auf deren Homepage; er zitiert sie:
„Man sieht auch: Die katholische Kirche stellt sich nicht gegen die wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse. Die Kirche betont auch immer: Der Glaube widerspricht niemals der Vernunft! Die Kreationisten, die es vor allen in manchen evangelikalen Kreisen gibt, halten sich dagegen exakt an den wörtlichen Verlauf des Schöpfungsberichtes und nutzen ihn als wissenschaftlichen Bericht. Hier war die katholische Kirche schon immer zurückhaltender und freier. So warnt bereits der hl. Augustinus seine Gläubigen, den christlichen Glauben nicht durch eine unhaltbar buchstäbliche (äußerliche) Deutung des Schöpfungsberichtes dem Spott der Ungläubigen auszusetzen.“
Aber das passt natürlich nicht ganz zu Leinfelders Botschaft. Glücklicherweise findet er auch noch Aussagen, in denen der Darwinismus skeptisch kommentiert wird, und islamkritische Bemerkungen. Deshalb kann er folgern:
„Sieht fast so aus, als wolle man die Holocaust-Leugnung nun mit einem Angriff auf den Islam wettmachen? Allerdings ist schon länger bekannt, dass die Bruderschaft nicht nur antisemitisch, sondern auch islamfeindlich ist. Die katholische Kirche wäre m.E. gut beraten, die Pius-Bruderschaft komplett auszuschließen, das würde ihren Anspruch, dass Glaube und Vernunft vereinbar seien, doch deutlich unterstreichen. Vernünftig ist an den Haltungen der Pius-Bruderschaft nämlich überhaupt nichts.“
Holocaust-Leugnung ist schlimmer als Kreationismus, wie Leinfelder zugeben muss, aber:
„ … der Rest der Piusbruderschaft ist meines Erachtens ebenfalls nicht kompatibel mit einer modernen Kirche, die in einer säkularen Welt beheimatet ist. Weltanschaulich sind sie im Mittelalter stehen geblieben. Bleibt zu hoffen, dass der Vatikan, bei aller Toleranz, die sich für alle weltanschaulichen Gruppen anbietet, hier dennoch die notwendigen Grenzen zieht. Nur dann wird der Papst die katholische Kirche zusammenhalten können.“
- Würden Sie sich bitte selbst auflösen? Herzlichen Dank!
Wie kommt Leinfelder dazu, der katholischen Kirche solche Tipps zu geben? Leinfelder will, dass der Papst, die katholische Kirche vor ihm kuscht. Sie soll Abbitte leisten und am besten ganz verschwinden. Um nichts anderes geht es, wenn von einer „modernen Kirche“ oder ähnlichem die Rede ist. „Modern“ ist die Kirche nämlich nur dann, wenn sie anstatt Gott Darwin anbetet bzw. wenn sie nicht mehr existiert. Um den gewünschten Prozess der Selbstauflösung zu beschleunigen, muss die Kirche sturmreif geschossen werden, und dazu ist kein Vorwurf dämlich genug. Weder der, der Papst rehabilitiere Antisemiten, noch der, der Papst rehabilitiere Kreationisten. Und das nächste Ass hat Leinfelder auch schon im Ärmel: Islamophobie. Im Grunde unterscheidet sich seine Haltung zur Kirche nicht grundsätzlich von der seiner Gesinnungsgenossen wie Ulrich Kutschera. Lediglich sein Ton ist ein bisschen konzilianter.
16. Juli 2009 at 10:03
Sehr geehrter Herr Kirsch,
irgendwie scheint mir, dass Sie gewisse Schwierigkeiten haben, meine Position in Sachen Evolutionswissenschaften richtig zu verorten.
Oben geht es diesmal um einen Eintrag in meinen Blog, den ich bereits Anfang Februar (!) 2009 gemacht habe (soviel also dazu, dass ich „im Nachgang der Erregungswelle“ ankäme.
Woher Sie Ihre Einschätzung nehmen, dass die katholische Kirche nach meiner Lesart am besten ganz verschwinden soll, müssten Sie mir schon näher erklären (oder besser doch nicht?). Sie schreiben: „Im Grunde unterscheidet sich seine Haltung zur Kirche nicht grundsätzlich von der seiner Gesinnungsgenossen wie Ulrich Kutschera. Lediglich sein Ton ist ein bisschen konzilianter.“
Dass die Piusbrüder für den Dialog zwischen Kirche und Naturwissenschaften ein echter GAU seien, wie ich geschrieben habe, ist übrigens die Aussage eines mir gut bekannten katholischen Pfarrers (von denen ich recht viele kenne). Und irgendwie kommt es mir so vor, dass Sie zwar mir ein Diskussionsverbot aufhängen wollen, aber Sie dafür uneingeschränktes Rederecht beanspruchen??
Woher nehmen Sie eigentlich die Gewissheit, dass ich kein Katholik bin? Aber das würde auch nichts helfen, denn: „Außerdem ist diese Angelegenheit so speziell, dass nicht einmal Katholiken genaueres darüber wissen.“ So, so.
„Die Piusbruderschaft war Leinfelder vor dem unberechtigten Geschrei wegen der Causa Williamson vermutlich völlig unbekannt.“ Aha, irgendwie scheinen Sie mich vielleicht mit jemandem zu verwechseln? Aber immerhin, es wird ja noch konkreter: „Wenn sich Leinfelder mit seiner Einschätzung mal nicht irrt. Erstens ist das, was die Piusbrüder zur Evolutionstheorie zu sagen haben, innerhalb der katholischen Kirche durchaus wohlgelitten.“ Interessant, woher Sie Ihre Informationen haben. Von den katholischen Geistlichen, mit denen ich regelmäßig diskutiere, habe ich andere Informationen, die sind zwar papsttreu, aber irgendwie halt auch scheinbar fehlgeleitet, denn ab und an kritisieren auch sie Einzelaussagen des Papstes.
„Um den gewünschten Prozess der Selbstauflösung zu beschleunigen, muss die Kirche sturmreif geschossen werden, und dazu ist kein Vorwurf dämlich genug.“ Wumms, mir ging es also nur darum, die Kirche sturmreif zu schießen, hab nur die Piusbrüder dazu instrumentalisiert. Durchschaut, messerscharf! Oder doch nicht? Ihr ganzer Beitrag ist leider voller Eigentore.
Ich will es mir aber nicht ganz so einfach machen. Ihr Blogeintrag hat mich ja förmlich stimuliert, und ich habe ihn zum Anlass genommen, um in einer Langversion dieses Beitrags meine Positionen auf den Punkt zu bringen.
Aber zwei Bemerkungen möchte ich auch hier noch anführen:
a)Ich halte die neue Sozialenzyklika des Papstes, soweit ich bislang ihre Inhalte kenne, ganz im Gegenteil zu den Berichten überregionaler Zeitungen für gut, hätten Sie das gedacht? Leinfelder lobt den Papst, ist hiermit geschehen! Wie inkonsequent dieser Leinfelder doch ist, mit dieser Differenziertheit ist schwer etwas anzufangen!
b)Ihre persönlichen Gefühle zur Unfehlbarkeit des Papstes wollte ich nicht verletzen. Aber die Unfehlbarkeit des Papstes gilt, das wissen Sie sicherlich, längst nicht uneingeschränkt, sondern ganz im Gegenteil nur in extrem seltenen Fällen, nämlich wenn er explizit „ex cathedra“ spricht und neue Dogmen mit der Formel „definimus et declaramus“ einleitet. Das letzte Dogma mit Unfehlbarkeitsanspruch war wohl 1950, das wichtige zweite Vatikanische Konzil verzichtete völlig auf Unfehlbarkeitsanspruch, worauf sich nun die Piusbrüder gerne berufen. Gerade auch deshalb darf hier doch eine persönliche Meinung kund getan werden. Weshalb Sie dennoch derart an die Decke gingen, ist mir nach wie vor ein Rätsel.
Die erweiterte Stellungnahme finden Sie hier: http://achdulieberdarwin.blogspot.com/2009/07/jede-menge-eigentore-das-muss-man-doch.html
17. Juli 2009 at 10:38
Die Piusbruderschaft ist menschenrechtsfeindlich – das dürfte Ihnen kaum entgangen sein. Die Bundesjustizministerin hat angeregt, die Organisation vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen: Völlig zu Recht!
18. Juli 2009 at 7:14
Was soll denn „menschenrechtsfeindlich“ heißen? Wenn die Bundesjustizministerin „angeregt (hat), die Organisation vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen“, dann kann sie das gerne tun. Aber es wäre nicht der erste Bock, den sie geschossen hat. In meinem Posting ging es mir übrigens nicht um die Piusbruderschaft, die ist mir ziemlich egal.
18. Juli 2009 at 18:19
@Reinhold Leinfelder
Mh. Also, zunächst muss ich ein paar Dementis loslassen:
1. Ich möchte Ihnen weder Ihre Meinung verbieten noch will ich verhindern, dass sie sie äußern. Was ich jedem Kreationisten zubillige, billige ich auch Ihnen zu, ist doch klar. „Diskussionsverbot“? Um Himmels willen! Wie kommen Sie darauf? Indem ich einen Blog betreibe, lade ich doch zu Diskussionen ein! (Lediglich wenn ein Kommentar völlig off topic ist, lasse ich ihn nicht zu; das kam erst zwei, drei Mal vor.) Dass meine Kommentare vielleicht manchmal etwas spitz, gar polemisch sind, das müssen Sie schon aushalten. Wie ich auch, wenn sie von anderen kommen.
2. Über die Frage, ob Sie Katholik sind, habe ich mir noch keine Gedanken gemacht (aber wenn Sie das Thema schon ansprechen: kann ich hoffen?!), denn das ist mir letztlich gleich. Es gibt übrigens auch Katholiken, die am liebsten den Papst loswerden möchten; das gehört vermutlich bei manchen zu ihrem Katholizismus dazu, die brauchen immer jemanden, an dem sie sich reiben können. Warum nicht. Und manche Protestanten wie Martin Urban arbeiten sogar ganz offen daran, die Grundlagen ihres Glaubens zu beseitigen; ich verstehe zwar nicht, was die antreibt, aber bitte …
3. Die Unterstellung, ich würde Ihnen Eindimensionalität vorwerfen, kann ich guten Gewissens zurückweisen. Ich weiß, dass Sie durchaus differenzieren, und das habe ich auch geschrieben, und wenn mich nicht alles täuscht, haben Sie meine entsprechenden Kommentare zumindest zur Kenntnis genommen (z.B. in meiner Rezension von Kutscheras unsäglichen antikreationistischen Sammelband). Warum werfen Sie mir das also vor?
4. Über das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes bin ich informiert, aber trotzdem Danke für die Nachhilfe. Meine Gefühle haben Sie aber nicht verletzt. Wenn ich mich aufrege, dann deshalb, weil man dem Papst Unrecht tut. Und die Kampagne, als er die Exkommunikation der vier Bischöfe zurücknahm, war unglaublich infam: Man hatte den Eindruck, er rehabilitiere die Bischöfe, weil sie sich antisemitisch geäußert hatten. Aber das stimmte einfach nicht! Es gibt ein paar Stichworte, die ganz bestimmte Reflexe auslösen, zum Beispiel: Papst – Kondome – Aids. Mal ehrlich: Was geht im Kopf eines durchschnittlichen Medienkonsumenten vor, wenn er diese drei Wörter hört? Sie wissen das, ich weiß das. Nur: In diesem Fall hatte der Papst einfach Recht! Seine Äußerungen zu Kondomen und Aids in Afrika waren sachlich richtig und durch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse gedeckt. Das will bloß niemand hören. Ich rege mich auf, weil man die Wahrheit nicht hören will! (Das mit der Piusbruderschaft ist innerhalb der katholischen Kirche ja wirklich umstritten, hat aber rein gar nichts mit Williamsons Ansichten zum Holocaust zu tun.)
Insgesamt weisen Sie, wenn ich Sie richtig verstanden habe, meine These zurück, Sie würden den Sack (Piusbruderschaft) schlagen und den Esel (katholische Kirche) meinen. Ich nehme das zur Kenntnis, wobei ich noch nicht überzeugt bin, dass sie falsch ist.
Nun sind Sie ja ein erklärter Verteidiger der Wissenschaft/des wissenschaftlichen Denkens und Bekämpfer alles dessen, was Sie als unwissenschaftlich, gar „wissenschaftsfeindlich“ ansehen. Und da gehört der Kreationismus dazu bzw. steht ganz oben auf Ihrer Liste der zu bekämpfenden Ideologien.
Ich bin allerdings ebenfalls ein Freund der Wissenschaft, bloß verstehe ich darunter etwas anderes. Zum Beispiel halte ich Kreationismus zwar für unwissenschaftlich, aber nicht gefährlich, und Intelligent Design nicht unbedingt für kreationistisch. Außerdem muss ich immer wieder beobachten, dass bestimmte Ansätze, die sich durchaus als wissenschaftlich verstehen, von Leuten wie Ihnen als nicht wissenschaftlich und deshalb nicht diskursfähig diffamiert werden. Diese Ausgrenzung geht einher mit einer subtilen Form der Zensur, aber auch Mobbing und finanziellen Nachteilen für die Betroffenen.
Außerdem ist die Abwehr dieser alternativen Ansätze durchweg weltanschaulich überlagert; das vermute ich auch bei Ihnen, und deshalb bleibe ich misstrauisch. Wenn Sie irgendwann einmal sagen könnten, nur zum Beispiel, was Sie unter „Spaltung der Gesellschaft“ durch „den Kreationismus“ verstehen, könnten Sie vielleicht mein Misstrauen zerstreuen.
Ihre ausführliche Fassung werde ich mir demnächst einmal zu Gemüte führen.
19. Juli 2009 at 1:52
@ BK
Danke für Ihren Kommentar. Da Sie ja meinen verlinkten Langkommentar noch lesen wollen, erübrigen sich wohl die meisten Antworten. Dennoch hier eine Stellungnahme
Ich habe in meinem Langkommentar (auf dem Ach-Du-lieber-Darwin-Blog) all Ihre bisherigen Kommentare zu mir zitiert, das hab ich schon berücksichtigt. Sie bleiben also „mir gegenüber misstrauisch“, auch bei anderen wittern sie immer gleich Ideologie, wenn man wagt, Kreationismus zu kritisieren. Wenn Sie immer noch nicht überzeugt sind, dass ich nicht den Esel meine, wenn ich den Sack schlage, dann kann ich das nur eine Blockade oder aber falsche Aussage aufgrund von bewusster Uninformiertheit nennen, denn wenn Sie durch meinen Darwin-Blog oder meine Interviews gehen würden (dort zitiere ich u.a. Katechismus, Augustinus, Papst, Bischof Huber, wen noch nicht alles, spreche über Bücher von Richard Schröder, Tonke Dennebaum, Alister McGrath etc. Die GBS wirft mir Halbierung von Darwin vor etc. etc..) müssten Sie eigentlich merken, wie unhaltbar Ihre Annahme ist. Ihre Wahrnehmung grenzt ja schon an die sprichwörtliche Kreationistenbrille, die alles ausblendet, was man nicht wahrnehmen will. Natürlich steht es Ihnen völlig frei, meine Stellungnahmen zu ignorieren, so wichtig sind die nun nicht, nur dann sollten Sie sich mit derartigen Aussagen zurückhalten. Ich hab nämlich meinerseits den sehr großen Verdacht, dass Sie auf Schlüsselworte reagieren bzw. diese sogar suchen und sofort einen Strohmann aufbauen..
Wenn Sie behaupten, Sie seien ein Freund der Wissenschaft, müssten Sie doch gerade den falschen wissenschaftstheoretischen Ansatz der Kreationisten erkennen, müssten die Lückenbüßer-Argumentation der ID-ler durchschauen, müssten wissen, dass falls noch Nachholbedarf zur Untermauerung einer Theorie A besteht, nicht automatisch irgendeine x-beliebige, noch dazu vom Grundsatz her nicht falsifizierbare Pseudotheorie B richtig sein kann. Ich diffamiere auch niemanden, ich sage nur deutlich, wenn etwas unwissenschaftlich ist, was vorgibt, wissenschaftlich zu sein. Meist bin ich recht „abgeklärt“, aber auch ich kann mich durchaus hervorragend aufregen, wenn man bestmöglich abgesicherte wissenschaftlichen Erkenntnisse (von Wahrheit will ich hier nicht reden, das ist mir ein zu hohes Wort dafür) penetrant nicht wahrnehmen will, und das ist mir mal wieder besonders passiert, als ich nun noch Ihren Blogeintrag zur Transformationstagung in Essen las. Sie waren – übrigens im Unterschied zu mir – nicht einmal da und witterten aufgrund des Tagungsprogramms sofort Verrat! Gerade als Christ müsste Ihnen doch an der Bewahrung der Schöpfung gelegen sein, statt dessen diffamieren Sie gleich wieder etliche Personen! Und wenn Sie wissenschaftsfreundlich sind, müssten Sie halt doch mal den IPCC-Report oder ähnliches durchlesen. Mit etwas mathematisch-physikalischem Wissen kommt man da nämlich ganz gut durch. Es ist nun mal das Beste, was die Klima-Wissenschaft derzeit liefern kann, dass es nur Szenarien mit (hohen) Wahrscheinlichkeiten sind, hat niemand bestritten. Mit der qualitativen Erkenntnis, dass sich das Klima in der Erdgeschichte laufend geändert hat, kommen wir nicht weiter, das sage gerade ich als jemand, der fast 20 Jahre Vorlesungen zur Historischen Geologie gegeben hat. Es geht nicht einmal so sehr um die Änderungen an sich, sondern um die Geschwindigkeit, mit der sie stattfinden (Ja, Korallenriffe sind schon ein paar Mal ausgestorben, aber es hat immer 100.000e, meist sogar viele Millionen Jahre gedauert, bis sie wieder zurück waren, darauf können wir nicht warten). Aber all dies scheint sie nicht so wirklich zu interessieren. Statt dessen zitieren Sie wirklich völlig unsubstanziierte Artikel zum Kongress wie diesen sog. Bericht in der EF. Ich hab die Fragen dieses Herrn und natürlich auch die Antworten live erlebt, dass es ihm nicht peinlich war, ist mir unverständlich, dass er dann einen derartigen Artikel schreibt, noch viel mehr. Auch ein Klaus Töpfer, der ebenfalls einen Vortrag hielt, müsste Ihnen doch unverdächtig sein, sicherlich auch ein Ottmar Edenhofer, nach Angaben in seinem eigenen Web-CV langjähriges Mitglied des Jesuitenordens und „dennoch“ Vorsitzender der Arbeitsgruppe III des IPCC. Beide wollen die Welt – wer will, kann gerne auch sagen, die Schöpfung – für zukünftige Generationen bewahren, reines Gottvertrauen genügt da leider nicht. Haben Sie sich denn die kleine Mühe gemacht, auch andere Artikel zum Kongress zu lesen (etwa http://www.tagesspiegel.de/politik/international/klima/Wachstum-Nachhaltigkeit-Klimaschutz-Klima%3Bart1118,2820860)?
Übrigens, wenn Sie derart befürchten, dass diese Wissenschaftlergruppe (zu der ich ja via WBGU auch gehöre) die Demokratie abschaffen möchte, nur weil sie mal andiskutiert, wie man trotz Kurzfristigkeit der heutigen Politik (von Wahl zu Wahl) auch notwendige langfristige Ziele implementieren kann, dann müssten Sie aber den Papst mit seiner neuen Sozialenzyklika schon als Antidemokrat besonderer Art hinstellen. Er fordert nämlich ebenfalls gesellschaftliche Transformation, er möchte sogar eine Art Weltautorität, die vieles zentral regelt, und etliches mehr. Zitat aus der Enzyklika gefällig? Wie wäre es mit diesem im Tagesspiegel zitierten? „Um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, einer Verschlimmerung der Krise und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen, um eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, die Sicherheit und den Frieden zu nähren, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren, ist das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität (…) dringend nötig.“ (fide http://www.tagesspiegel.de/kultur/Papst-Katholizismus-Sozialenzyklika-Benedikt-XVI-%3Bart772,2841909) . Der Papst auf einer Wellenlänge mit H.-J. Schellnhuber, warum kommt da von Ihnen keine Kritik? Tatsächlich scheint aber nicht H.-J. Schellnhuber, sondern O. Edenhofer, ebenfalls PIK, dahinter zu stecken. Letzterer trug nämlich im März bei einer Vatikankonferenz vor und sagte dort u.a.: „Und dieses Thema Freiheit und Gerechtigkeit neu auszubalancieren – das ist jetzt die Aufgabe, die sich für uns auf Ebene der Weltgesellschaft neu stellt. (…) Ich glaube, dass es jetzt die Zeit und die Stunde ist, dass wir über eine Erneuerung der globalen Institutionen nachdenken im Rahmen der UN… und dass wir darüber nachdenken, wie wir die europäischen Institutionen so wetterfest machen können, dass wir am Ende auch die Finanz- und Wirtschaftskrise durchstehen.“ (aus http://www.katholische-kirche.de/Nachricht.aspx?NId=620) . Klingt verdächtig nach der aktuellen Sozialenzyklika des Papstes, nicht wahr? Ich freue mich, dass der Papst auf die Wissenschaft hört, Sie wittern vermutlich Unterwanderung des Vatikans? (ok, will ich nicht unterstellen).
Soweit der Ausflug zu ihrem Klima-Blogeintrag namens „Wann kommt der Putsch“ und der dort diffamierten, angeblich selbsternannten, so unverfrorenen Elite (http://naturalismuskritik.wordpress.com/2009/06/05/wann-kommt-der-putsch/) Also nun wieder zurück zum eigentlichen Thema. Warum der Kreationismus gefährlich ist, wissen Sie doch selbst: weil er Wissenschaft diskreditiert, die wir zum Überleben benötigen (und ich meine dabei keine Technologien wie Geoengineering). Fundamentale Glaubensformen sind natürlich keine Gefahr per se, aber wenn sie starken Einfluss auf Bildung und Gesellschaft nehmen, ist dies sicherlich bedenklich. Wenn alle Kinder in „12-Stämme-Schulen“ oder anderen Schulen ohne zeitgemäßen Biologie- Geschichts-, Sexualunterricht aufwachsen, wer soll denn dann unsere zukünftigen wissenschaftlichen Probleme lösen? Und zu Spaltung der Gesellschaft, das wissen Sie doch ganz genau, äußern sich ja die Kreationisten, sie versuchen dies explizit zu erreichen. Warum krisiere ich sowohl ´ pseudowissenschaftlichen Kreationismus als auch missionarisch-biologistischen Alleinerklärungsanspruch mancher Naturwissenschaftler? Weil beide, manchmal vielleicht auch ungewollt, an einer kulturellen Spaltung arbeiten. Ich halte es lieber mit meinem Leitplankenmodell, auch bei weltanschaulichen Ansichten. Wir können hier mit einem breiten Spektrum durchaus zurecht kommen, jeder soll diesbezüglich nach seiner Façon glücklich werden, aber missionarischer Fundamentalismus auf beiden Seiten, noch dazu mit wissenschaftlichem Anspruch, und nichts mehr dazwischen, das wäre Spaltung, sozusagen ein neuer Klassenk(r)ampf, um es mal sehr überhöht zu sagen. Und weil Sie es von Sack und Esel hatten: ja, ich sehe durchaus, wie viele (a la Dawkins) auf den Sack (Kreationismus) hauen und dabei v.a. den Esel (Religionen) meinen, das hab ich schon oft „das Kind mit dem Bade ausschütten“ genannt. Aber Sie werden mir doch nicht erzählen wollen, dass Sie nichts von der Keilstrategie zur Unterwanderung der Gesellschaft aus dem Kreationismuslager der USA wissen (hier zum Nachsehen: http://ncseweb.org/creationism/general/wedge-document, im Original herunterladbar unter http://ncseweb.org/webfm_send/747
Sollten Sie das wirklich nicht gekannt haben, wäre es nun vielleicht doch mal an der Zeit, etwas umzudenken? Aber warum fürchte ich nur, dass Sie mir erzählen wollen, dass dies doch eh alles gefälscht sei (will aber nichts präjudizieren), oder dass das doch in Deutschland ganz anders wäre. Es ist hier erfreulicherweise nicht derart dramatisch, weil wir eben sowohl Religionsunterricht als auch Biologieunterricht unter staatlicher Aufsicht gestellt haben (womit ich nichts gegen die vielen guten Privatschulen gesagt haben möchte, die sind ja auch staatlich kontrolliert). Sagen Sie mir doch ganz ehrlich, halten Sie es für richtig, dass eine (offensichtlich mangelhaft von der Schulaufsicht kontrollierte) evangelikale Schule in Berlin ganz offen damit wirbt, dass im Biologieunterricht die Evolution an den Aussagen der Bibel gemessen werden muss und dass ähnliches sogar für den Geschichtsunterricht gilt? (siehe http://achdulieberdarwin.blogspot.com/2009/03/einladung-kreationistische-schule-ins.html). Halten Sie es für richtig, dass Informationswissenschaftler im Internet und bei Auftritten in Universitäten verkünden, die Wissenschaft müsse sich nach der Bibel richten? (Beispiel gefällig: Zitat Werner Gitt zum Alter der Welt: „Die 4000 Jahre…., ich würde schon sagen 6000 Jahre plus einige Zeit dazu, das können 2000 Jahre, 3000 sein, das kann man nicht so genau festlegen, aber der grobe Rahmen ist von der Bibel vorgegeben, dass es sich um einige 1000 Jahre handelt und nicht, dass es sich um Millionen Jahre handeln könnte.“ Abschrift aus http://www.ced24.com/tv/interview_werner_gitt.php)
Lieber BK, Sie hatten mit Ihrer, pardon, aber so isses, völlig verqueren Fundamentalkritik an mir immerhin erreicht, dass ich Ihnen und evtl. weiter Interessierten (aber so spannend ist das auch wieder nicht) weite Teile meines Weltbildes (ist ein Unterschied zu Weltanschauung) erläutert habe, nun wäre es vielleicht angebracht, dass Sie Ihre Position ebenso exakt schildern, ein paar Dinge weiß ich ja schon: Kreationismus beschädigt die Wissenschaft bzw. die Gesellschaft nicht, Intelligent Design ist wissenschaftlich und die Klima- und Umweltwissenschaftler, die wegen ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse auf Aufforderung auch Handlungsempfehlungen geben (dazu ist nämlich ein wissenschaftlicher Beirat wie der WBGU da, und die Handlungsempfehlungen stammen keinesfalls nur von Naturwissenschaftlern, sondern im Team sind Ökonomen, Politologen und andere Kulturwissenschaftler), also Wissenschaftler, die so etwas tun sind eine unverfrorene selbsternannte Elite, die keine Ahnung haben. Aber Sie sind wissenschaftsfreundlich. Den Papst darf man nicht kritisieren, aber wenn er Positionen einnimmt, die Sie ansonsten vehement kritisieren, sind Sie diesbezüglich stumm. Sollte ich da etwas falsch verstanden haben, bin ich gerne zum Umdenken bereit.
Wie Sie sehen, bin ich gar nicht immer so konziliant, wie Sie das dachten, vielleicht noch eine neue Erfahrung für Sie. Aber Diskurs bereichert ja das Leben, allerdings kann er allein Pseudowissenschaften auch nicht zur Wissenschaft machen, da beißt sich auch ein Habermas die Zähne aus. Und ein Hans Jonas, der durchaus religionskompatibel in seimem ökologischen Imperativ meint „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“, dreht sich ob all Ihrer Vorbehalte gegenüber Klima- und Umweltwissenschaften sowie ihrer Implikationen ebenfalls im Grabe rum.
Mit freundlichen Grüßen
Reinhold Leinfelder
PS: Ach ja, Sie sprachen davon, dass sie Hoffnung hätten. Nun, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber da sie dies nicht interessiert (denn da ist ja gleich wieder ein Strohmann aufgebaut), erübrigt sich auch meine Antwort.
21. Juli 2009 at 10:33
Als ich meinen Kommentar schon abgeschickt hatte, kamen mir meine Bemerkungen nach den „Dementis“ etwas unklar und weitschweifig vor. Vermutlich hätte es gereicht, wenn ich geschrieben hätte, dass ich misstrauisch bleibe, so lange mir der „Kampf gegen den Kreationismus“ so disproportioniert erscheint wie im Moment.
Wer sind die Kreationisten? Ein kleines Häuflein von Unentwegten, die – wie soll man das sagen? – eine Aufstand gegen die Moderne wagen. Erstens sind die in meinen Augen völlig irrelevant, leben in ihren eher abgeschlossenen Zirkeln – sollen sie doch! Zweitens kann ich nicht erkennen, dass die, auch wenn sie mehr öffentliches Gehör fänden, in irgend einer Weise irgend eine Gefahr darstellen würden. Nicht einmal in den USA behindern die den Wissenschaftsbetrieb, zumindest habe ich noch keine konkreten Hinweise darauf bekommen. Wenn Sie mehr wissen, lassen Sie mich das bitte wissen. Aber gerade das Beispiel USA zeigt doch, wie ungefährlich sie sind, denn die USA gehören, wenn ich recht informiert bin, immer noch zu den führenden Wissenschaftsnationen der Welt, die auch von vielen Deutschen gelobt und gepriesen werden für die geradezu paradiesischen Zustände, die sie den Wissenschaftlern bietet. Also: Alles, was ich weiß, spricht gegen die Gefährlichkeit der Kreationisten (auch Werner Gitts Thesen und die Existenz einer evangelikale Schule in Berlin sind noch nicht genug, damit ich meine Einschätzung revidiere). So lange ich diese Diskrepanz sehe, steht bei mir jede Kritik an Kreationisten unter dem Verdacht, dass es um etwas anderes geht.
Ich habe mich übrigens auch schon mit der sog. Keil-Strategie und dem Wedge-Dokument beschäftigt. Sind Sie sicher, dass dieses leicht großsprecherische Papier den Aufwand lohnt? Nehmen Sie das nicht wichtiger, als es in Wirklichkeit ist? Und: Ganz offensichtlich teilen Sie nicht meine Meinung, dass sich Johnson und die anderen für die weltanschaulichen Dimensionen von Wissenschaft interessieren, nicht für den konkreten Forschungsprozess.
Wenn Sie genervt davon sind, dass Sie von mehreren Seiten kritisiert werden, kann ich das verstehen. Und ich bin durchaus bereit, ein wenig zurückzurudern: Vielleicht war ich zu streng mit Ihnen, schließlich versuchen Sie, Brücken zu bauen. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Sie sich damit genau zwischen alle Stühle setzen. Beides finde ich auch in Ordnung, wobei ich, was die Brücken angeht, nicht genau weiß, wo sie enden sollen. Und das heißt außerdem nicht, dass ich Ihre Analyse teile oder gar die Schlussfolgerungen, die Sie daraus ziehen.
Was die Tagung in Essen angeht, fühle ich mich nun wiederum von Ihnen unverstanden – und ich verstehe nicht, warum Sie mich nicht verstehen. Es gibt einfach einen Punkt, ab dem eine Theorie gefährlich werden kann (gefährlicher als Kreationisten je werden können!), und dieser Punkt ist erreicht, wenn die Demokratie (der Begriff müsste eigentlich präziser gefasst werden) zur Disposition gestellt wird. Und genau das ist in der Ankündigung zur Tagung geschehen. Ich verstehe einfach nicht, wie man so etwas verteidigen kann. Was ist so schlimm daran, dass ich Demokratie und Menschenrechte erhalten will? Nebenbei bemerkt: Mir wurde unterstellt, ich wollte Herrschaft abschaffen, aber das stimmt überhaupt nicht. Ich bin nicht gegen Herrschaft; Demokratie ist eine Ausprägung davon. Und sie ist mir eben lieber als ein autoritäres Regime oder eine Diktatur, bei der Menschenrechte üblicherweise wenig zählen. Um es mal salopp zu formulieren: Ich pfeife auf alle Korallenriffe dieser Welt, wenn die Menschenrechte nur weiterhin geachtet werden!
Ihre Aufforderung, meine Position deutlicher zu formulieren, ist völlig berechtigt. Ich arbeite daran, und mein Blog hilft mir beim Denken. Zunächst war es mir daran gelegen, den wissenschaftlichen Imperialismus (ein großes Wort, mir fällt gerade kein besseres ein) zurückzuweisen, indem ich auf die ständige Vermischung von methodischem und ontologischem Naturalismus hinweise. Ist das nicht deutlich geworden? (Offensichtlich nicht.) Mal sehen, wo ich ankomme. Im August will ich mich etwas ausführlicher äußern.
21. Juli 2009 at 11:57
Es ist editorisch ein bisschen schief, weil ich jetzt zu Deinem Kommentar Stellung beziehe, in dem ich Bezüge zu a) einem Text von mir und b) einem Kommentar von mir hier in dem Blog, aber an anderer Stelle, erkenne.
a) Aus Deinem „zwischen den Stühlen“ lese ich auch eine Kritik der katholischen Schöpfungstheologie heraus, wie sie sich von Thomas von Aquin her entwickelt hat (dargestellt anhand Rhonheimers Vortrag, vgl. meine Zusammenfassung).
Zwischen allen Stühlen schlängelt sich der goldene Mittelweg. Dass er sich schlängelt, stößt viele ab, die Kompromisse als Ausgleich auf derselben Diskursebene betrachten, nicht als Lösung auf höherer Ebene. In Wahrheit hebt sich die scheinbare Kontroverse zwischen Schöpfung und Evolution jedoch auf, wenn man die Fragestellung aufhebt, also auf eine höhere Reflexionsstufe hebt und so von der Physis zur Meta-Physis kommt. Auf dieser Ebene erkennt man und kann es dann auch klären: Anfang und Ursprung sind nicht dasselbe, ebenso wenig wie Natur und Welt, Materie und Geist, der Gott, der sich in der Natur situativ und kasuistisch aktualisiert, den man anhand dieser Fälle entsprechend „einfangen“ kann und der Gott des Urgrunds, der die Natur sich frei entfalten lässt, weil Seine Schöpfung als Potentialität angelegt ist, die den Evolutionsprozess in sich trägt: „Gott macht, dass sich die Dinge selber machen“ (Teilhard de Chardin). Das zumindest, soweit es die Natur und die Materie betrifft. Die Erfahrung von Menschen aller Zeiten und Räume der Erde, in eine Geschichte mit Gott eingewoben zu sein, in der Gott konkret wirkt, steht auf einem ganz anderen Blatt – dem der Kultur und des Geistes. Das kriegt man auseinander, wenn man der klassisch katholischen Linie eines von Thomas christlich gewendeten Aristotelismus’ folgt, aber auch mit Meister Eckharts Unterscheidung von „Gottheit“ als Substanz und „Gott“ als Akzidenz und selbstverständlich auch mit – Leibniz. Man kriegt Religion und Wissenschaft so auseinander, dass es keinen Bruch gibt, der nicht mehr zu kitten wäre, sondern eine geradezu harmonische Aufgabenteilung erwächst, die einer methodologischen Notwendigkeit folgt. Anders gäbe es keine religiösen Wissenschaftler.
Es ist erstaunlich, wie Aussagen des Hochmittelalters zu Diskursen um Religion und Wissenschaft in unserer Zeit passen.
Ende des 13. Jh.s sagten die Schüler Alberts (etwa Siger von Brabant; auch Thomas ist ein Schüler Alberts) einerseits: Wenn wir Physik [gemeint ist nicht das spezielle Fach, sondern eine allgemeine „Naturwissenschaft“ im Sinne der aristotelischen Naturphilosophie, J.B.] treiben, dann kümmern wir uns nicht um Wunder, auch nicht um die Wunder von Welterschaffung und Weltende. – Zur gleichen Zeit beschloss die Universität Paris aus methodologischen Erwägungen eine scharfe Trennung der Aufgabengebiete und ordnete an, die „Physiker“ sollten bei Logik und Naturwissen bleiben und sich aus theologischen Fragen heraushalten, insbesondere aus den Themen „Menschwerdung“ und „Trinitätslehre“ (die man auf der Basis aristotelischer Substanz- und Intellekttheorie leicht missdeuten kann, wenn der Personalitätsaspekt Gottes unter den Tisch fällt – theologisch verbindlich war daher Augustinus; übrigens hatte auch Newton seine Vorbehalte gegen die Trinität, behielt das aber für sich, weil er keinen Stress mit seinem Arbeitgeber wollte – dem Trinity-College in Cambridge).
b) Betrifft Deine Einlassung: „Mir wurde unterstellt, ich wollte Herrschaft abschaffen, aber das stimmt überhaupt nicht.“ einen meiner Kommentare zu Deinem „Putsch-Beitrag“? Wenn nein, entschuldige bitte die Störung, wenn ja, kann es sich nur um eine sprachliche Ungenauigkeit meinerseits handeln. Dass Du keine Anarchie willst, ist klar, dass Du Demokratie und Menschenrechte verteidigst, löblich. Nur verstehe ich die Aufregung nicht so ganz: Eine echte Gefahr für „die“ Menschenrechte (es gibt liberale, soziale, politische, kulturelle und ökologische MRe) geht weder von Klimaforschern noch von Kreationisten aus. Auch nicht vom Papst. Dann schon eher von Leuten wie Nursultan Abischewitsch Nasarbajew, Omar Hassan Ahmad al-Bashir, Alexander Lukashenko oder Mahmoud Ahmadinejad, die man vielleicht schon deshalb seltener erwähnt, weil ihre Namen so unaussprechlich sind. „Der Papst ist schuld.“ geht leichter von den Lippen.
Josef
21. Juli 2009 at 12:17
a) bezog sich nicht auf Dich, b) schon. (Eine Person, die wir beide gut kennen, hat, außerhalb der Kommentarfunktion, wenn ich mich recht erinnere, in die selbe Richtung argumentiert.)